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Mario Fitterer
Augenblick und Haiku
 

In der Übersetzung von Issas Haiku „Von der Wiege / bis zur Bahre – / unverständliches Geplapper.“ kann ein immer wieder eintretender Augenblick und mit dem Augenblick eine schließlich lebenslang gewordene Erfahrung bewußt werden. Hätte man einen ursprünglich deutschsprachigen Text vor sich, könnte man auch eine Sentenz erkennen, womit das Gebiet des Haiku verlassen wäre.

In Georges Hartmanns Haiku „Papierlaternen / und silberhelle Stimmchen. / Dann nur noch Stille.“ gibt es den augenblick-haften Übergang von der zweiten zur dritten Zeile, wobei mir jedoch die Fortdauer der Stille betont zu sein scheint.

Unter den November-Haiku, die einen Augenblick hervorheben, gehört das von Volker Friebel „Novemberstille. / Als das Blatt fällt, / fällt das andere auch.“ Hier wird weniger eine Situation als ein Ereignis dargestellt.

Welche Bedeutung dem augenblicklichen Ereignis – aber nicht die alleinige – zukommt, zeigt Bashos Haiku „Der uralte Weiher, / Ein Frosch springt hinein – / Wasserplatschen.“ (zitiert nach Thomas Hoover). Hier ereignet sich vor dem Hintergrund des Dauernden in einem Moment der Bewegung das augenblicklich Flüchtige, wobei der (Nach)Klang des Wassers sich präsentisch ausdehnt.

Die „Länge einer Beobachtung bzw. einer sinnlichen Erfahrung“ (Gerd Börner) ist der lyrische Augenblick, den E. Staiger und Fr. Th. Vischer das „’punktuelle’ Zünden der Welt im lyrischen Subjekt“ nennen, d. h. „den entscheidenden Zeitpunkt, in dem die Seele einem Gegenstand begegnet, von ihm ‚gestimmt’ und betroffen wird“. Auch Goethes Gedichte, wird behauptet, bestehen aus einem Moment oder aus Momenten. Der Moment (synonym zum lateinischen „momentum“ = Bewegung) kommt plötzlich und verschwindet sogleich wieder. Basho sagte, wird überliefert: „Noch ehe das Licht, das ein Ding sichtbar gemacht hat, in der Seele erlischt, soll man das Ding in der Sprache festhalten.“

Das Haiku

    Des Wegrands
    Eibisblüte, vom Pferd
    Abgefressen!

stellt einen scheinbar linearen Vorgang dar, ist jedoch „ein vorübergehender Moment“, der sprachlich zu einem „’fixierten Blitz’“ wird. Das wenigstens ist die Ansicht von Prof. Dr. Takeo Ashizu in seinem Aufsatz „Der Augenblick in der Haiku-Dichtung“ (3/1990 UNIVERSITAS), dem die Zitate entnommen sind.

Entscheidend dürfte sein, wie stark der Augenblick der Inspiration einwirkt, so daß es zu einer dynamischen Begegnung zwischen Autor und Entdecktem kommt.

 

Ersteinstellung: Dezember 2003

 

 


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