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Ruth Franke
Blankenburg

Hier hätte ich ihn nicht vermutet, den bronzenen Löwen. Vom Blankenburger Schloss, der Sommerresidenz der Welfenherzöge, schaut er gen Norden, seinem Urbild in Braunschweig entgegen. Jahrzehntelang von ihm getrennt durch den Eisernen Vorhang.

Großmutter erzählte viel von Blankenburg, dem Schauplatz ihrer Jugend und ersten Liebe. Sommerfeste, Bälle im Schlossgarten, im Mittelpunkt die junge Prinzessin Friederike. Sie müssen etwa gleichaltrig gewesen sein.

Ich setze mich auf eine Bank im menschenleeren Lustgarten. Geometrisch gestaltete Blumenrabatten, ein Springbrunnen, wenige Skulpturen. Keine Myrthenpyramiden mehr, keine Grotten, Treibhäuser, Terrassengärten.

Unter der Linde
ein junges Paar
tandaradei

Wie lebte ein junges Mädchen Ende des 19. Jahrhunderts? Ein vergilbtes Foto: langes, dunkles Volantkleid, unter dem Schleierhütchen ein ernstes, ebenmäßiges Gesicht. Nichts von der Lebensfreude, die ich an ihr kannte. Wie lernte sie wohl Großvater kennen?

Der Weg führt den Hang hinauf durch den verwilderten Schlosspark, überragt vom düsteren Alten Schloss. Es dämmert. Ein kleiner Teich unter hohen Bäumen, daneben eine Bank. Wucherndes Gras, Rhododendrenbüsche, schon knospend. Trafen sie sich hier, die Großeltern? Es ist sehr still.

In der Dunkelheit folge ich dem schmalen Wanderpfad zu meinem Berghotel, hoch über der Stadt und mitten im Oberharz, den ich morgen kennenlernen will.

Ein fahler Mond
huscht durch dunkle Wolken
Walpurgisnacht

 

 

Ersteinstellung: 05.01.2006

 

 


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