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Volker Friebel

Bashôs Haibun
Buchbesprechung

Bashô, Matsuo (2015): Haibun. Herausgegeben und aus dem Japanischen übertragen von Ekkehard May. Mainz: Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung. 494 Seiten, 29,00 Euro. Ein Klick auf das Bild führt zum Buch bei Amazon.

Der Japanologe Ekkehard May, verdienstvoll schon durch seine drei Shomon-Bücher zu den Haiku der Bashô-Schule, hat eine Sammlung von Bashôs Haibun herausgebracht. Das kleinformatige, in Leinen gebundene Buch liegt gut in der Hand, es ist mit 60 manchmal farbigen Abbildungen versehen. Wer schöne Bücher mag, wird sich freuen.

Was sind Haibun? Der Begriff, von Bashô selbst eingeführt, „bedeutet heute zunächst im weiteren Sinn ganz allgemein die von haikai-Dichtern verfasste Prosa.“ (Seite 6). Haiku können, müssen aber nicht vorkommen. Reiseschilderungen gehören eigentlich auch dazu, „doch ordnet die japanische Literaturwissenschaft heute aus praktischen Erwägungen unter haibun im engeren Sinn nur die betrachtende, reflektierende Kunstprosa unter Ausschluss der Reiseschilderung ein, die ein eigenes Genre bildet.“ (6 f.) Solche Texte gab es schon vor Bashô. Mit den Prosa-Versuchen seiner eigenen Schule war der Meister nicht zufrieden, so kam es erst nach seinem Tod zu einer ersten Anthologie.

Von den etwas mehr als 100 erhaltenen Haibun Bashôs hat May 84 Texte übersetzt und ausführlich kommentiert. Auf eine Seite Bashô (die durchschnittliche Länge der Haibun), kommen etwa drei Seiten Kommentar. Und die braucht es auch. Bashôs Texte sind zwar einfach geschrieben, May (der sich auf japanische Kommentatoren stützt) fördert aber eine Unmenge an literarischen Bezügen zu Tage. Die damalige Literatur war extrem anspielungsreich. Von Literaten wurde die Kenntnis der chinesischen Klassiker sowie der japanischen Tradition verlangt. Manchmal gab es kleine Hinweise in Form von halben Textzeilen. Der Leser hatte dann zu vervollständigen. „Bashô zeigt mit der Aufnahme des Zitates das hohe Niveau des pointiert-witzigen Gesprächs unter hochgebildeten Literaten und Dichterfreunden“, meint May dazu (Seite 306). Manchmal fehlen solche direkten Hilfen und es blieb ganz dem Leser überlassen, die Bezüge zu den Klassikern herzustellen.

Das Buch vermittelt einen guten Eindruck der Welt, in der sich Bashô bewegte. Da ist der Schüler- und Freundeskreis, den er durch das Land wandernd zusammenhielt und bestärkte. Da ist die chinesische und japanische Bibliothek, die die geistige Heimat dieser literarischen Zirkel war. Natur und Kulturdenkmäler werden besucht und bewundert – die entstehenden Texte richten sich aber weniger an sie als an ein Gegenüber, sondern an die bereits über sie von früheren Dichtern geschriebenen Worte. Natur und Kultur verwandeln sich in Bestandteile eines literarischen Beziehungsgeflechts.

Die wenigsten Texte wurden um ihrer selbst geschrieben, die meisten sind Gelegenheitsdichtungen für Gastgeber, Widmungsblätter, Dankesworte, Vortexte zu Haiku oder kurze Reisenotizen, manchmal Vorstufen oder Versionen der späteren ausführlichen Reiseschilderungen. Wer große Literatur erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Wer einen Eindruck von der Welt bekommen möchte, in der Bashô lebte, liegt mit diesem Buch genau richtig.

 

 

Ersteinstellung: 29.06.2015

 

 


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