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Besprechung von Udo Wenzel

Im Zeichen des Feuers
„Gefahr auf den Gipfeln“
von Gary Snyder

(Stadtlichter Presse, Berlin 2006)

Am 13. August 1945 bestieg Gary Snyder im Alter von 15 Jahren zum ersten Mal den 2.549 m hohen Mount St. Helens, einen Vulkan im Süden des US-Bundesstaats Washington. „Sich um die Gletscherspalten schlängelnd, langsam kletternd, gingen wir unseren Weg zum Gipfel genau wie Issas Schnecke:

‚Zoll für Zoll
kleine Schnecke
kriech den Fuji hinauf’“ (S. 15)

Auf dem Schneegipfel angekommen, will er einen Blick zurück auf die Welt werfen, in der er lebt. „Als ich versuchte, hinunter auf die Welt dort unten zu schauen – war dort nichts.“ (S. 17) Das erhebende Gipfelerlebnis wird während des Abstiegs jäh erschüttert. Am 14. August entdeckt er auf dem Schwarzen Brett einer Forsthütte Zeitungsausschnitte und Fotos von den ersten Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. „Entsetzt, Wissenschaftler und Politiker und die Regierungen der Welt verfluchend, legte ich vor mir ein Gelübde ab, etwas wie: ‚Bei der Reinheit und Schönheit und Beständigkeit des Mt. St. Helens, ich werde diese grausame, zerstörerische Kraft und jene, die danach trachten, sie zu benutzen, mein Leben lang bekämpfen.’“ (S. 19)

Gary Snyder, geb. 1930, begann seine Schriftstellerkarriere als einer der „beat poets“ in den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dieser amerikanische Autorenkreis um Jack Kerouac, Allan Ginsberg, James Watt u.a. nahm Elemente der Hippie-Kultur vorweg. Snyders Schlüsselposition wird in Kerouacs „The Dharma Bums“ (auf deutsch: „Gammler, Zen und Hohe Berge) deutlich. Obwohl einfacher Herkunft, ist er der Gelehrte unter den jungen Schriftstellern. Die bei so manchem oft oberflächlich und „hip“ erscheinende Hinwendung zu Zen und Buddhismus wurde von Snyder intensiv und mit großer Liebe verfolgt. Er studierte ostasiatische Sprachen und ging 1956 für 12 Jahre nach Japan, wo er in Klosternähe Zen-Buddhismus erforschte und praktizierte. Wieder zurück in Amerika, verknüpfte er Zen-Buddhismus mit den Praktiken der indianischen Ureinwohner und fühlte sich in seinem Engagement der Gewerkschaftsbewegung ebenso verbunden wie der Umweltschutzbewegung. Snyder veröffentlichte theoretische Schriften zur Tiefenökologie und Praxis der Wildnis. Unter seinen 20 Büchern ist „Gefahr auf den Gipfeln“ das vorletzte. Es erschien 2004 als „Danger on the Peaks“, und 2006 auf Deutsch in der Stadtlichter Presse, die nach und nach dichterische Werke von Autoren der sogenannten „Beat-Generation“ übersetzt und herausgibt. Das Buch enthält zweisprachig (englisch-deutsch) Prosastücke (die gewissermaßen amerikanische Varianten des japanischen Haibun sind), Gedichte und vom Haiku beeinflusste Kurzgedichte. Zeitlich spannt es einen Bogen von jenem ersten Gipfelerlebnis im Jahre 1945 bis zur Zerstörung der 2.500 m hoch gelegenen Buddhas von Bamiyan durch die Taliban und des World Trade Centers im Jahre 2001.

Gary Snyder nannte sich selbst in einem im Jahre 2004 geführten Interview mit der Seattle Times einen „buddhistischen Schriftsteller“. Dabei ist Snyders Buddhismus ein synkretistisches Produkt, zusammengesetzt aus asiatischen und westlichen philosophischen und lebensweltlichen Teilen. Er ist aber im Großen und Ganzen frei von esoterischen Klischees und Vereinfachungen. Nur in wenigen Gedichten irritiert eine Religiosität, die nahezu missionarische Züge annimmt, so z.B. in dem Gedicht „September 2001“ (S. 197), in dem er die Anschläge vom 11.9.2001 mit der Zerstörung der Buddhas von Bamiyan verbindet. Doch sonst schreibt Snyder weder Weltanschauungsliteratur noch beschauliche Bekenntnisliteratur. Es geht ihm darum, über die Dinge zu schreiben, „wie sie sind“: Da die Welt immer auch gewalttätig ist, wird die Gewalt auch zur Sprache gebracht. Snyder selbst sagt über das Buch, es sei „unter dem Zeichen des Feuers“ geschrieben: „Wir sprechen über außer Kontrolle geratene atomare Waffen, eine gewaltige vulkanische Eruption ... auf subtile Weise wird das Thema von Feuer und Explosion fortgesetzt, bis es wieder ins Offensichtliche mündet – in der Zerstörung der Buddhas von Bamiyan und der Türme des World Trade Center ...“ (S. 219)

„Gefahr auf den Gipfeln“, das scheint für Snyder auch die Gefahr zu sein, die Leiden der Welt eskapistisch aus den Augen zu verlieren. Seine Haltung ist beispielhaft für einen engagierten Buddhismus. Die andere Herausforderung, sich nicht im Engagement und der Offenheit für die Gräuel der Welt in Hass und Verzweiflung zu verlieren, spiegelt das Gedicht „Sachte, sagen sie.“ (S. 147)

Oft genug gewinnt der Autor aber Abstand vom Feuer, dann steht nicht dessen zerstörende, sondern seine wärmende Qualität im Vordergrund. Das Buch enthält ebenso zärtliche wie leicht hin getupfte Gedichte, haikugleich fängt Snyder kurze epiphanische Augenblicke ein, häufig findet man darin feinen hintersinnigen Humor. So kommt auch die „Gefahr der Gipfel“ leichtfüßig daher, in einem Gedicht, in dem er die erste Begegnung mit seiner Frau Carole (Für Carole) beschreibt (S. 145).

Viele Gedichte und auch Prosastücke sind betont bildhaft, und es wird deutlich, wie sehr sie von der japanischen Ästhetik beeinflusst wurden. Einige Verse sind von einem Haiku nahezu nicht zu unterscheiden, wie dieses Beispiel zeigt:


„Eine Beule im Eimer

Hämmere eine Beule aus einem Eimer
ein Specht
antwortet aus den Wäldern.“ (S. 51)


Sprach Snyder vor Jahren noch davon, dass es Teil seiner Poetik sei, Haiku innerhalb längerer Gedichte zu verwenden, so sagte er in einem aktuell mit „Haiku heute“ geführten Gespräch, er verwende keine Haiku. Den Begriff „Haiku“ möchte er reserviert sehen für das japanische Original, Haiku sei eine Form der Dichtung, die untrennbar mit dem Zen in Verbindung stehe. Berücksichtigt man den heutigen Forschungsstand, so idealisiert Snyder in diesem Punkt das Haiku. Japanische Autoren wie Haruo Shirane oder Bin Akio, ebenso wie deutsche Japanologen (Prof. Dr. Schamoni, Dr. R.F. Wittkamp) verweisen seit Jahren auf die Tatsache, dass in Japan die Kombination von Zen und Haiku als relativ unbedeutend gesehen wird.

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, gerade für Leser, die sich für die Kunst des Haiku und des Haibun interessieren, ein Buch, das uns die vielen Facetten von Gary Snyder ebenso näher bringt wie die einer Welt im Zeichen des Feuers und des Windes.


 

15.06.2007 auf www.Haiku-heute.de
Alle Rechte bei den Autoren