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Udo Wenzel
Gendai-Haiku – ein Einblick in das zeitgenössische japanische Haiku


Außerhalb Japans ist vor allem das klassische japanische Haiku oder das so genannte „traditionelle Haiku“ bekannt. Auch viele deutschsprachige Haiku-Dichter orientierten sich lange Zeit hauptsächlich an den vorliegenden Übersetzungen des klassischen oder des traditionellen japanischen Haiku, bevor es in den letzten Jahren zu einer weiten Verbreitung der freien Form und neuen Themen kam.Es gab und gibt so gut wie keine Kontakte zu Dichtern des Gendai-Haiku, des zeitgenössischen japanischen Haiku. Die Haiku-Bewegung lässt sich zurückführen  auf einen der beiden Lieblingsschüler von Masaoka Shiki (1867-1902), auf Kawahigashi Hekigotô (1873-1937). Dieser ging in seinen ästhetischen Konzeptionen über die Haiku-Reformen Shikis hinaus. Ihm folgten im Laufe der Zeit Dichter wie Ippekiro Nakatsuka (1887-1946), Ogiwara Seisensui (1884-1976), Hôsai Ôzaki (1885-1926) und Taneda Santôka (1882-1940), die die traditionellen Regeln (5-7-5 Moren, Kigo etc.) mehr und mehr, ganz oder teilweise, negierten. Während der Zeit des japanischen Faschismus waren die Gendai-Haiku Dichter enormem Druck ausgesetzt. Ähnlich wie während des deutschen Nationalsozialismus, wurden die Werke der Haiku-Dichter, die sich nicht an der „traditionellen Form“ orientierten, als „entartete Kunst“ betrachtet und die Dichter verfolgt. Nur das „traditionelle Haiku“ galt als das „reine japanische Haiku“. Nach dem Krieg wurde die „Gendai Haiku Kyokai“, die „Modern Haiku Association“ gegründet und postulierte unter dem Eindruck des erlittenen Unrechts die Freiheit des Ausdrucks. In ihr organisierten sich Dichter, die die überlieferten poetischen Vorstellungen mit zeitgenössischer Ästhetik, Sprache und Philosophie verbanden. Die „Modern Haiku Association“ existiert noch heute. Im Jahr 2001 veröffentlichte sie eine Anthologie wichtiger Autoren des Gendai-Haiku in japanischer und englischer Sprache. (Modern Haiku Association (Gendai Haiku Kyokai) (Hg.): Japanese Haiku 2001. Tôkyô 2001. Das Buch ist in der Bibliothek der Deutschen Haiku-Gesellschaft vorhanden.)

Der US-amerikanische Wissenschaftler Dr. Richard Gilbert lehrt und forscht seit einigen Jahren an der „Faculty of Letters“ der Universität Kumamoto. Als er nach Japan kam, hoffte er unter anderem genaueres über das „traditionelle Haiku“ zu erfahren, begegnete aber bald Autoren des Gendai-Haiku und war von der originellen Art ihres Denkens und Dichtens fasziniert. Im letzten Jahr begann er Interviews mit namhaften Haiku-Dichtern und Theoretikern zu führen und zeichnete diese auf Video auf. Die zum Teil einstündigen Gespräche wurden (und werden noch) mit Hilfe eines Dolmetschers und japanischen Universitätskollegen ins Japanische transkribiert und ins Englische übersetzt. Die Studie wird unterstützt von der „Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) – Grant-in-Aid for Scientific Research“ und dem japanischen Erziehungsministerium (MEXT). Im Mai dieses Jahres veröffentlichte Richard Gilbert nun im Internet die ersten Interview-Teile in Form von Flash-Videos mit englischen Untertiteln. Sie sind auf einer eigens dafür eingerichteten Website zu finden:

http://gendai-haiku.iyume.com

Der gendai haijin Professor Tsubouchi Nenten erörtert dort den Begriff katakoto, ein Begriff aus der japanischen Ästhetik, den er als eine grundlegende Quelle der japanischen Haiku-Kreativität betrachtet. Hoshinaga Fumio spricht über kotodama shinkô, die geheimnisvolle Kraft der Sprache, eine Vorstellung, die in seine Haiku-Dichtung Eingang gefunden hat, und von Professor Hasegawa Kai, Autor von über 20 Büchern zur Haiku-Poetik, sind einleitende Bemerkungen einer längeren Vorlesung zu Bashôs berühmtem Frosch-Haiku zu finden.

Richard Gilbert richtete in Zusammenarbeit mit mir eine deutsche Spiegelseite ein:

http://gendai-haiku.iyume.com/german/ .

Die Flash-Videos liegen dort mit deutschen Untertiteln vor, von mir aus dem Englischen übersetzt. Außerdem enthält jede Galerieseite die biographischen Daten des Dichters, bibliographische Angaben und kurze Anmerkungen. Sowohl die englische als auch die deutsche Seite werden sukzessive erweitert. Es folgen ebenso zusätzliche Interview-Teile mit den bisherigen Autoren wie auch Präsentationen weiterer Dichter. Zudem sollen dort in der nächsten Zeit von jedem der Autoren um die zehn Gedichte vorgestellt werden. Richard Gilbert geht davon aus, dass das Internet-Archiv bis 2008 vervollständigt wird. Dann sollen auch ein Buch und eine DVD mit den Interviews erscheinen. Mit dem Studienprojekt wird im englisch- und deutschsprachigen Raum erstmals ein tieferer Einblick in das gegenwärtige japanische Haiku-Schaffen jenseits seiner traditionellen Form eröffnet, ein Einblick, der möglicherweise der Haiku-Dichtung insgesamt neue Anstöße zu geben vermag.

 

 

Ersteinstellung: 15.06.2007

 

 


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