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Volker Friebel

Haiku hier und heute – die dtv-Anthologie
Buch-Besprechung

Stolz, Rainer & Wenzel, Udo (Hg) (2012). Haiku hier und heute. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. 160 Seiten, ISBN: 978-3-423-14102-4, 9,90 Euro.

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Zum ersten Mal hat ein großer Verlag eine Publikumsausgabe mit deutschsprachigen Haiku veröffentlicht. Den engagierten Herausgebern sei Dank! Das Werk, ein Taschenbuch mit Schutzumschlag, liegt angenehm in der Hand und setzt in gut lesbarer großer Schrift ein Haiku auf jede Seite. In sechs Kapiteln, deren Titel Stationen im Tagesablauf des „Hier und Heute“ wiedergeben, bietet es 112 Haiku von ebensovielen Autoren.

Aus dem Nachwort von Stolz und Wenzel: „Ziel war es, eine kleine Auswahl repräsentativer Beispiele aus der deutschsprachigen Haiku-Dichtung der jüngsten Gegenwart, der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts, zu erstellen – eine exemplarische Sammlung, die das Spektrum zeitgenössischer Haikus deutscher Sprache im ‚Hier und Heute‘ sichtbar macht.“

Einer weiteren Zielsetzung der Herausgeber folgend verteilen sich die Texte etwa hälftig auf Autoren der „Haiku-Szene“ und des „Literaturbetriebs“. Und da zeigt sich allerdings ein Problem. Des Literaturbetriebs? „Gedicht ist die unbesoldete Arbeit des Geistes“, schrieb Gottfried Benn in seinem Aufsatz „Summa summarum“ 1926, und er wurde bereits damals mit seinem lyrischen Jahresverdienst von 6 Mark zu den bedeutendsten Dichtern Europas gezählt. Es gibt in der Lyrik keine „Profis“ als Gegensatz zu „Laien“ oder „Hobby-Autoren“. Es gibt allerdings gute und weniger gute Dichtung. Alle, die Lyrik schreiben, haben sich deshalb gleichermaßen und unterschiedslos vor dem Kriterium der dichterischen Qualität zu verantworten.

Vielleicht wäre es also besser gewesen, die Texte im Vertrauen auf die Leser mehr danach und nicht nach fragwürdigen Kategorisierungen der Autoren auszusuchen, auch wenn dann ein beträchtlicher Teil der „versierten Lyriker/innen“ hätte wegfallen müssen (gemeint sind offensichtlich Autoren, die bei mehr oder weniger kommerziellen Verlagen ein Gedichtbuch veröffentlicht haben). Allerdings finden sich im Buch auch durchaus interessante Texte aus dem „Literaturbetrieb“, etwa

 

die weizenfelder
tragen das meer übers land.
kenternder traktor.

    Jan Wagner

 

ein Text, der es bei Haiku heute in den „Kasten“ geschafft hätte, oder

 

Der Mai schüttelt sein
nasses Fell, in den Tatzen
zerpflückte Blüten.

    Susanne Stephan

 

Solche Texte lassen viele andere vergessen und bestätigen letztlich das Konzept des Buchs.

Einige in Haiku-Kreisen bekannte Texte sind aufgenommen, auch neue Texte aus der Haiku-Szene:

 

Winterabend
mit kleinen Stichen erscheint
das Lächeln der Puppe.

    Ingrid Kunschke

 

im Förderkorb
der verschüttete Bergmann
und das Tageslicht

    Klaus-Dieter Wirth

 

in der Kirche
unsere Gerüche
als Gabe

    Jane Reichhold

 

Nächtlicher Fang –
Das zuckende Deck
im Mondlicht

    Wolfgang Beutke

 

Eine umfassende Schau dessen, was in der Haiku-Szene die letzten Jahre geschrieben wurde, lässt der begrenzte Umfang des Buchs nicht zu, auch fehlen zu viele bekannte Autoren. Und von den vertretenen Autoren scheinen mir häufig nicht die besten Texte gewählt. Wenn ich mich aber frage, ob mit dem, was denn aufgenommen wurde, bei einer breiten Leserschaft Interesse an dieser Form der Dichtung geweckt werden kann, ist die Antwort eindeutig: Ja!

Im Nachwort wird angeregt, das Haiku künftig nicht mehr in erster Linie als japanische, also exotische Gedichtform zu betrachten, sondern von einer Gedichtform japanischer Herkunft zu sprechen. Das Haiku ist in der ganzen Welt heimisch geworden, ich denke, dass auch Japaner dem mit Genugtuung folgen können. Ob es im Schulbuch aber nur eine weitere Kategorie zwischen Sonett, Ghasel, Terzine, Sestine zu lernen gibt, mit der sich jetzt herumspielen lässt, oder ob das Haiku Anteil an der seit einigen Jahren zu beobachtenden lyrischen Erneuerung mit ihrer Betonung von Bildhaftigkeit und Gegenwärtigkeit für sich beanspruchen kann, wird die Zeit weisen.

Die Anthologie ist mit ihrem Konzept sicherlich ein Meilenstein des deutschsprachigen Haiku. Wie dieser Weg weitergeht? Als schmaler Pfad wie bisher? Ob der nun zur Straße wird? (Ob das denn gut wäre?) Was für Menschen und Sichtweisen man auf ihm begegnen kann? Wer sich mit dem Haiku und seiner Entwicklung beschäftigt, sollte sich das Buch besorgen.

 

 

Aktuell 14.01.2013 auf www.Haiku-heute.de, erstmals 05.05.2012
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