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Haiku in der Schule    pdf-Version zum Speichern und Ausdrucken

Haiku bringen Wesensmerkmale mit, die sie sowohl für die Grundschule als auch für weiterführende Stufen besonders interessant machen.

Gegenwärtigkeit: Haiku erzählen von der Gegenwart – die allerdings auch erinnert oder frei erfunden sein kann. Deshalb wird das Präsens gebraucht.

Wahrnehmung: Haiku beziehen sich auf Wahrnehmungen. Sie schärfen die Sinne. Sie bringen uns von der besinnungslosen Aktion zur Offenheit für das andere um uns herum, machen uns neugierig auf die Geschichten, welche die Dinge zu erzählen haben. Im Haiku soll unbewertete Wahrnehmung thematisiert werden, weit weniger eigene Reflexionen, Wünsche oder Fantasien.

Kürze: Haiku sind kurz. Fast immer werden sie in drei Zeilen geschrieben. In Japan galt lange Zeit ein Schema von 17 Moren als verbindlich. Moren stehen allerdings eher unseren Lauten als unseren Silben nahe. Deshalb ist es besser, im Deutschen zwar auf die Kürze, aber nicht auf eine bestimmte Silbenzahl Wert zu legen. Dann werden sprachliche und ästhetische Netzwerke im Gehirn aktiviert und nicht,  beim Zählen, logische.

Gegenwärtigkeit – Wahrnehmung – Kürze: Dieser Dreiklang kann für die Vermittlung von Haiku als Charakteristikum gelten. Endreime sind im Haiku unerwünscht. Wenn wir Haiku nach ihrer literarischen Qualität beurteilen wollen, gelten daneben die Kriterien, die für jede Dichtung gelten.

 

Beispiele

am Rande der Galaxie
ein Pirol
besingt sein Revier

    Helga Stania

das einfache
berghotel – mit tausend
sternen

    Gérard Krebs

Cabriolet –
beim Bremsen überholt mich
mein Haar

    Claudia Melchior

Magnolienknospen
die Lider
der Auferstehenden

    Hubertus Thum

der abgebissenen kopf
einer amsel –
federn mit denen der wind spielt

    Ruth Guggenmos-Walter

Burnout
im Raum
das Schweben der Stille

    Ramona Linke

heiliger Berg
im Dämmer der Reispapierwand
Nachbars Furz

    Simone K. Busch

Am Ausgang
des Feindbilderkabinetts
ein großer Spiegel

    Heinz Schneemann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Didaktik

Wir lesen eines der drei Beispiele für ein Kinder-Haiku vor:

In der Bäckerei
schau ich nach Brötchen.
Wie das duftet!

Am Fenster der Stern
strahlt hell
in den düsteren Tag.

Ein Käfer krabbelt
auf eine Blume.
Nun hält er still.

Einige Fragen an die Kinder kreisen um die Haiku-Kriterien Gegenwärtigkeit (Präsens), (wertungsfreie) Wahrnehmung, Kürze. Fragen können sein, angepasst an das Alter der Kinder:

*  In welcher Zeit handelt der Text?
*  Geht es im Text um Gedanken oder um Gefühle oder um Wahrnehmungen?
*  Ist im Text gesagt, ob man etwas gut oder schlecht findet?
*  Ist der Text eher kurz oder lang?

Darüber hinaus können wir auch ein Thema ansprechen, das Dichtung insgesamt berührt:

*  Ihr kennt auch andere kurze Texte, oder? (SMS, Twitter.) Was ist denn der Unterschied dazu? (Dichtung erzeugt Schönheit, gehört zur Ästhetik, SMS sind funktional.)

Wir fassen zusammen, zentrieren dabei auf die drei Wesensmerkmale des Haiku: Gegenwärtigkeit (Gegenwart) – Wahrnehmung – Kürze: So einen Text nennt man ein Haiku. Ein Haiku ist kurz. Meistens hat es nicht mehr als drei Zeilen. Es handelt in der Gegenwart, über das, was ich wahrnehme, was mir die Dinge erzählen. Nicht so wichtig ist dagegen, was ich darüber denke, auch wie ich das Wahrgenommene beurteile, ob als gut oder als schlecht. Nur das Wahr nehmen und Erleben zählt! Einen Endreim hat das Haiku nicht.

Dann die Aufgabe: Jetzt schreiben wir alle ein eigenes Haiku. Und zwar zu einem bestimmten Thema (etwa Käfer, Pausenhof, Blumen, Vögel, Schulweg – das fällt in der Regel leichter). Wer aber ein ganz eigenes Haiku machen will: Das geht auch. Nehmt ein Blatt. Fünf Minuten ist Zeit. Hat jemand noch Fragen? ...

Nach fünf Minuten lesen alle ihre Haiku vor. Wer seines nicht vorlesen möchte, sagt: Weiter! Oder wir fragen stattdessen: Wer möchte sein Haiku vorlesen?

Je nach geplanter Zeit schreiben wir noch ein oder zwei Haiku oder beenden das Thema.

 

Steckbrief

Haiku sind Kurzgedichte, sie entstammen der japanischen Kultur. Bashô (1644-1694) brachte die sich noch entwickelnde Gattung zu literarischer Blüte, Shiki (1867-1902) prägte den Namen Haiku für sie und führte sie in die Moderne. Heute werden Haiku in wohl fast allen literarischen Kulturen der Welt geschrieben.

Gegenwärtigkeit – Wahrnehmung – Kürze sind die Wesensmerkmale des Haiku. Mit seiner Vermittlung fördern wir Achtsamkeit, Konzentration, Öffnung vom Handeln zur Wahrnehmung, bewertungsfreies Aufnehmen und Verstehen der Welt um uns herum, Kreativität – und Freude!

 

Literatur

Friebel, Volker (Herausgeber) (2004 bis heute): Haiku-Jahrbuch. Als pdf-Dateien frei zu laden auf: www.haiku-heute.de/Jahrbuch/jahrbuch.html 

Stolz, Rainer & Udo Wenzel (Herausgeber) (2012): Haiku – hier und heute. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

 

Verfasser des Textes: Dr. Volker Friebel, Verwalter und Gestalter von www.haiku-heute.de, 2005-2013 Schriftführer der Deutschen Haiku-Gesellschaft. Die namentlich gekennzeichneten Haiku stammen von den Autoren (alle sind enthalten im Haiku-Jahrbuch 2014: Unter dem Milchschaumherz). Besonderer Dank für ihre Mitwirkung am Text geht an Regine Schaal, Reutlingen, und an Ruth Guggenmos-Walter, Irsee.

 

 

Aktuell 17.03.2016 auf www.Haiku-heute.de, eingerichtet 27.05.2015
Alle Rechte bei den Autoren, für den Unterricht frei nutzbar