Eingang  I  Aktuelle Ausgabe  I  Archiv  I  Jahrbuch  I  Teilnahme  I  Nachrichten  I  Impressum  I  Datenschutzerklärung

 

 

Horst Ludwig
Haiku im Haiku


Zum Kongreß-Haikuwettbewerb 2001 der Deutschen Haiku-Gesellschaft mit dem Thema „Knospen“ hatte Ingrid Kunschke dieses Haiku eingereicht:

Kleiderwechseltag.
In der Jacke vom Vorjahr
ein Knospenhaiku.

Es ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Text. Einmal ist „Kleiderwechseltag“ kein Jahreszeitenwort für ein Haiku deutscher Sprache, und wir werden also etwas verleitet anzunehmen, daß es sich hier um ein Haiku aus einer japanischen Feder handelt. Und dann schleicht sich das Wettbewerbsthema „Knospen“ nur durch einen Trick ein: Dieses Haiku beschreibt nicht unmittelbar und realistisch, wie der Autor eine Knospe oder Knospen erlebt. Es beschreibt nicht einmal eine Erinnerung, wie er eine Knospe oder Knospen erlebt hat; es stellt nur fest, daß er eine Knospe oder Knospen erlebt hat. Aber das als Haikuautor; – and that makes all the difference“!

Auch wenn wir in Mitteleuropa keinen offiziellen „Kleiderwechseltag“ haben wie die Japaner, – auch wir verstauen, was wir wegen der Temperaturunterschiede erst einmal lange nicht mehr tragen werden, und holen hervor, was uns zur aufkommenden Jahreszeit besser paßt. Da die Jacke hier „vom Vorjahr“ ist und wir von Knospen hören, denken wir nicht an den Herbst, wo man sich nicht mehr so leicht, sondern halt wieder etwas dicker anzieht. Was die Jahreszeit hier angeht, da denken wir an den Frühling, wo es eine Jacke auch tut und man dem dicken Mantel auf einige Zeit Ade sagen kann.

Aber das ist hier praktisch auch das einzige, was sicher ist. Denn: Gibt es einen festliegenden „Kleiderwechseltag“? In Japan ja, in Mitteleuropa nein. Doch festhalten wollen wir, daß wir hier einige Kenntnis vom japanischen Jahreszyklus vorfinden. Wissen wir aufgrund des Textes, daß hier eine Knospe den Autor zu einem Knospenhaiku inspiriert? Nein! Im Gegenteil! Der Autor ist mehr mit der neuen alten Jacke beschäftigt und steht wahrscheinlich nachdenklich vorm Kleiderschrank! Wissen wir, daß da im zeitlichen Hintergrund eine den Autor zum Haiku inspirierende Knospe aufbrechen wollte? Das ist ebenfalls nicht sicher. Der Text gibt uns ein Haiku über eine Knospe oder Knospen, einen Bericht also, nicht Natur! Ist der Kleiderwechsler der Autor dieses Berichts? Auch das nicht unbedingt! Sicher ist hier nur, daß er der Besitzer dieses im Vorjahr aufgeschriebenen Textes ist. Und der Text kann aus vielen Gründen in seine Tasche geraten sein, – womit sogar die Jahreszeit „Frühling“, deren wir uns anfangs doch so sicher waren, wieder unsicher wird! Es könnte also doch eine Herbstjacke gewesen sein! Was ist denn hier jetzt noch sicher?

Sicher ist, daß aus diesen 17 Silben feine Kultur spricht: Jemand, der auch das japanische Haiku kennt („Kleiderwechseltag“ ist ein Jahreszeitenwort aus dem japanischen Saijiki, der Jahreszeitenwort-Liste zur Haiku-Literatur!), hat ein Haiku aufgeschrieben. Es spielt keine Rolle, ob es ein guter Text ist oder nicht. Es spielt auch keine Rolle, ob der Text vom Autor des uns vorliegenden Haiku ist oder einer, den dieser Autor sich abgeschrieben hat. Denn hier geht nicht nur ein deutschsprachiger haijin durch das Jahr und durch die Welt. Das allein wäre für den Leser schon erfreulich genug, denn es trägt auch zur Bereicherung seines Lebensweges bei. Er macht sich nämlich eigene Gedanken zu diesem Text aufgrund dieses Textes; und das bereichert schon die Kultur. Aber auch noch etwas anderes, etwas ganz Großartiges, ist der Autorin hier gelungen: das wohl beste deutschsprachige Haiku zu einem unbekannten Haiku.

Ingrid Kunschke schreibt in ihrer lesenswerten Einführung „Was ist ein Haiku?“ sehr richtig: „Übrigens war Bashô keineswegs gegen Humor im Haiku; er stellte nur andere Anforderungen daran!“ Was sie jedoch nicht weiß: Bashô schmunzelte verständnisvoll, als ich ihm erzählte, daß ich dieses unbekannte Haiku in der Tasche meiner neuen Jacke aus dem Good-Will-Geschäft gefunden hatte und daß die DHG-Preisrichter Ingrids Haiku dazu genügend Punkte für einen 5. Platz gegeben hatten. Und dann schrieb er mir etwas auf:

Wer genau betrachten kann,
dem ist alles Poesie.

Ich freute mich natürlich darüber, faltete es und steckte es mir in die Jackentasche.

 

 

15.12.2006 auf www.Haiku-heute.de
Erstveröffentlichung in der Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft Nr. 56, Februar-Heft 2002, Seite 24-26
Alle Rechte bei Horst Ludwig