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Ruth Franke
Das Jahreszeitenwort im Wandel der Zeit
 

In der japanischen Haiku-Tradition ist das Jahreszeitenwort (kigo) seit Jahrhunderten tief verwurzelt und bis heute für die meisten Dichter von essentieller Bedeutung. Mit ihm sind kulturelle und ästhetische Assoziationen verbunden, die ein Gefühl gemeinschaftlichen Verständnisses unter Dichtern und Lesern schaffen. Der Ausdruck ziehende Gänse z. B. erweckt im Leser sofort herbstliche Bilder, aber auch das Gefühl von Verlust:

    once again
    geese heading south
    some never to return

      Steve Stanfield

Darüber hinaus vermitteln viele kigo eine literarische Atmosphäre, indem sie auf frühere Haiku anspielen und dem Gedicht Tiefe und Weite geben. Ohne die Struktur verleihende Funktion des Jahreszeitenworts – so meinen viele Japaner – laufe ein Haiku Gefahr, zentrifugal zu werden, weil Zeit und Ort vage blieben.

Ein Verzeichnis der in Japan gebräuchlichen kigo bieten umfangreiche Wörterbücher (saijiki), die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert bzw. modifiziert wurden, wobei trotz der Umstellung auf den Gregorianischen Kalender noch mit dem früheren Mond-Kalender gearbeitet wird. Viele neuere Begriffe wurden aufgenommen, wie z. B. Beethovens „Neunte“ als Winter-kigo, weil diese Sinfonie zum Jahresende überall in Japan aufgeführt wird. Diese Almanache, an denen sich die meisten Japaner heute noch orientieren, führen zwischen 3.000 und 5.000 Begriffe an, und man schätzt, dass ein Anfänger fünf bis sechs Jahre braucht, bis er damit richtig umgehen kann. Es ist interessant, dass in den saijiki keine kigo für Haustiere aufgeführt sind, mit Ausnahme von cat’s love für Frühling.

Der Westen hat das Jahreszeitenwort in dieser Form nur zum Teil übernommen (in der amerikanischen Haiku-Definition ist es überhaupt nicht enthalten) und begründete dies mit den großen Unterschieden der Klimazonen – ein Argument, das die Japaner nicht gelten lassen, da sie innerhalb ihres Landes das Problem mit verschiedenen saijiki lösen (z. B. Hokkaido- und Okinawa-Saijiki). William J. Higginson versuchte 1996, mit „Haiku World“ (Parallelband zu „Haiku Season“) einen internationalen Almanach zu schaffen, der saisonale Aspekte anderer Länder und Kulturen aller Kontinente aufzeigt und sie mit über 1.000 Haiku in 25 Sprachen (mit englischer Übersetzung) belegt. Higginson fügte eine neue Sparte All Year hinzu und erläuterte die Schwierigkeit, japanische Jahreszeitenwörter auf andere Kulturen zu übertragen an einem Beispiel:

    He eats his sandwich
    more slowly then usual,
    in the first sun.

      Ludo Haesaerts

First Sun ist traditionell ein Neujahrs-Begriff, während das belgische Haiku eine Situation nach einer Schlechtwetter-Periode anspricht, also im Frühjahr, Sommer oder Herbst spielen kann.

Auf Vorschlag ihres Präsidenten Kaneko Tohta hat die Modern Haiku Society ein saijiki herausgebracht, das in einer neuen Kategorie, various others (zo), ca. 8.400 neue Wörter/Themen enthält und Alternativen zum kigo aufzeigen soll. Dhugal J. Lindsay kritisiert in seinem Aufsatz „Kigo – their use in Modern Japan and a proposition“ im Acorn Magazine, dass diese neuen Wörter, wie z. B. „Kühlschrank“ und „Bier“, künstlich seien und nicht den gleichen Reichtum an Assoziationen und Bildern auslösten wie ein Sommer-Jahreszeitenwort, weil diese Produkte vom Menschen gemacht seien und nur zu dem Zweck dienten, zu dem sie hergestellt wurden.

Nicht nur die zunehmende Internationalisierung des Haiku wirft Probleme auf, sondern auch die Wandlung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur durch die fortschreitende Technisierung. Da immer mehr Menschen in Städten wohnen, Kriege, Seuchen und Umweltverschmutzung uns durch die Medien bewusster werden als früher, treten die Jahreszeiten oft in den Hintergrund und andere Schlüsselwörter tauchen in den Haiku auf.

Roman York, der dem deutschen Haiku neue Impulse gab, hat in seinen Büchern „Glaswege“ und „Glasfelder“ u. a. auch die Orientierungslosigkeit und Einsamkeit des modernen Menschen in der Großstadt dargestellt:

    auf warteschleifen
    zwischen himmel und erde
    das ziel im nebel

    ein platz hinter glas
    keine winkenden tücher
    lautlos entgleiten

    ZUG-ABGANG

Hier wird die Natur kaum oder nur  im Abbild wahrgenommen:

    ,sieh mal die falter,
    papa, groß und bunt und schön’ –
    ,hol dir das poster’

Wie das Leben in der Stadt, so bedingen auch zivilisatorische Schäden andere, oft negativ besetzte Schlüsselwörter, wie z. B. Ozon-Alarm (Sommer), die manchmal im Kontrast zur Natur besonders betont werden können:

    Blechkarawanen
    weisen den Weg nach Süden
    für die Zugvögel

      Christine Gradl

Da die Assoziationen, die ein kigo im Haiku auslöst, sich meist auf die jeweilige Sprache und Kultur beziehen, können Schlüsselwörter vielleicht eher zum globalen Verständnis eines Gedichtes beitragen, wenn die darin enthaltene Kernaussage ebenfalls eine Resonanz im Leser hervorrufen kann.

Weil die Zahl der Dreizeiler, die ganz ohne Jahreszeitenbezug auskommen, ständig im Wachsen begriffen ist (auch in Japan), erhebt sich die Frage, ob und wann diese Gedichte als Haiku einzustufen sind. Ekkehard May nennt in der Anthologie „Haiku mit Köpfchen“ des Hamburger Haiku-Verlages ein gutes Beispiel von Kiki Suarez:

    Ich sehe dich an,
    aber finde dich nicht mehr
    in meinen Augen

Er schreibt dazu: „Solche Verse sollten es wohl sein, die dem ,jahreszeitlosen’ Haiku seine Berechtigung geben, einen Gedanken, der zahlreiche Assoziationen auslöst und ein Bild, das zu vielfältigen Reflexionen Raum gibt, in asketisch strenger, weil kurzer Form zu konzentrieren.“ Wenn ein Kurzgedicht diese Eigenschaften eines Haiku aufweist, die es eindeutig von anderer Lyrik abgrenzen, ist dagegen nichts einzuwenden.

Haiku ohne Jahreszeitenbezug und solche mit Schlüsselwörtern werden wohl die Gedichte mit kigo nicht verdrängen, haben aber durchaus ihren Platz in unserer heutigen Zeit, wenn sie den Qualitätsmerkmalen eines guten Haiku entsprechen. Eine Gefahr sehe ich nur, wenn wir uns nicht mehr auf die japanischen Wurzeln gründen, wenn die Schreibtisch-Haiku zu sehr überwiegen und Autoren – vor allem im Internet – in dieses Metier einsteigen, ohne die Regeln zu kennen. „Lerne die Regeln und vergiss sie dann“, sagte Bashô – aber das Lernen nannte er an erster Stelle …

Vielleicht hat aber der über neunzigjährige japanische Autor Akiyama Bokusha Recht, der 1994 in Kanrai schrieb, dass die Haiku-Regeln, vor allem die Anwendung des kigo, für Anfänger zu schwierig seien und man junge Leute ermutigen solle, im Geiste von Santoka zu schreiben. Wenn sie dann tiefer einstiegen, würden sie den Wert der Regeln und den Gewinn daraus begreifen. Wenn das Haiku des 21. Jahrhunderts den Santoka-Stil übernähme – so kommentiert Dhugal J. Lindsay – würden sich die japanische und die westliche Haiku-Welt vielleicht näher kommen. – Anzeichen für ein steigendes Interesse an Santoka sehe ich jedenfalls in den zahlreichen Neuübersetzungen seines Werkes in die englische Sprache.

Seien wir offen für neue Entwicklungen, aber beobachten wir sie kritisch!
 

Literatur:
William J. Higginson: Haiku World, Kodansha International 1996
Roman York: Glaswege, Eigenverlag und Glasfelder,
     1998 Mafora Verlag, Biederbach
Dhugal J. Lindsay: Kigo – their use in Modern Japan and a proposition
     http://www.cyberoz.net/city/dhugal

 

 

28.03.2004 auf www.Haiku-heute.de
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