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Hans Lesener
Irgendwo ein Kirchturm

„Friedenskapelle Hl. Bruder Klaus“: Jeden Tag fahre ich an diesem Schild, das am Rand der Landstraße in einen Waldweg weist, vorbei und nehme mir immer wieder vor, die Kapelle aufzusuchen. Heute, nach dem anstrengenden Streitgespräch beim Rechtsanwalt, biege ich kurzentschlossen ab. Zu beiden Seiten hohe Buchen. Am Wegesrand liegen Zweige und abgebrochene Äste, braunes, trockenes Holz . Der Wald dahinter wirkt weit und licht. Baumrinde glänzt silbrig-grün. In kurzen Abständen sehe ich rechts und links große Stelen mit religiösen Motiven und Texten. Offenbar die Stationen eines Kreuzwegs. Ich mag die strengen Formen der Halbreliefs. Im weichen Münsterländer Sandstein sind manche Konturen schon vom Wetter verwaschen, verwittert. Nach kurzer Zeit öffnet sich der Wald. Auf einer  Kuppe steht einsam ein kleiner Fachwerkbau mit einem Glockentürmchen. Die Kapelle. Von hier aus fällt das Gelände sanft und stetig ab. Der Blick schweift frei über das Land, in dessen Ferne hier und da ein paar Dörfer, wie zufällig hingestreut, eingebettet liegen. Irgendwo ein Kirchturm.

In der Ferne zeichnen sich Ausläufer des Teutoburger Waldes ab. Hin und wieder in die Landschaft gekritzelt die strichförmigen Silhouetten der modernen Windmühlen. Über die Weite spannt sich ein wolkenbedeckter Himmel, grau-blau, sich ständig verändernd, ohne bedrückend zu sein. Ich atme tief ein, aus, werde ruhiger.

Wind treibt Wolkenschatten
über reife Felder.


Die Vorhalle ist vom Altarraum durch ein Eisengitter getrennt. Dahinter das Lesepult, ein Kerzenleuchter, eine Schale mit Hortensien. Das ewige Licht glüht. An der linken Seite die lebensgroße Statue eines hageren, bärtigen Mannes in mittelalterlichem langem Gewand. In die Stirnwand eingelassen zwei Reliefs: Eins zeigt einen Reigen verschlungener Hände, das andere einen Text: „In Gott ist Frieden allewege. Hl. Bruder Klaus. 1947“

Niklaus von Flüe ich erinnere mich an meine Studienzeit und an einen Schweizer Professor,  der manchmal über den Mystiker sprach:  Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges sei Bruder Klaus, für alle sichtbar, am Himmel erschienen und habe die Schweiz gesegnet. Wieso ihm hier in Westfalen 1947, im Jahr seiner Heiligsprechung, eine Kapelle errichtet wurde, wer weiß das noch? Vielleicht war es die Sehnsucht der Menschen nach Frieden, nach dauerhafter Geborgenheit, die zur Verehrung des Heiligen an diesem abgelegenen Ort geführt hat.

Auf dem Rückweg lese ich einige Inschriften der Kreuzwegstationen: Mit-tragen. Mit-leiden. Mit-trauern.

In den Nachrichten:
Wieder Terror-Anschläge in
Bagdad und Beirut.

 

 

10.09.2006 auf www.Haiku-heute.de
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