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Mario Fitterer
Moderne Haiku hinter dem Schleier
eines Wasserfalls
Le haïku moderne“ von Jean Antonini

 

In Nr. 6 von „GONG“, der „Revue Francophone des Haïku“ vom Januar 2005 gibt Jean Antonini Überlegungen zum Thema „Le haïku moderne“. Die Welt des alten Haiku sei im medial-kommerziellen Umfeld von den göttlichen oder heidnischen „Mysterien“ entleert. Die Vison müsse, so Antonini, „absolut“ dorthin zurückgeführt werden; in diesem Zusammenhang wird ein Haiku von Alain Kervern zitiert:

Jeté sur le pont
l’horizon
dans l’oeil d’un poisson mort

Auf die Brücke geworfen
der Horizont
im Auge eines toten Fisches

Es gibt die Verkettung des Alltags und darin täglich die Aussicht auf die „Überraschung“. Diese sollte man sich „noch und noch“ bewußt machen und mit Hilfe einer „modernisierten Metapher“, wie etwa der im Haiku von Georges Friedenkraft:

Nous dégraferons
le soutiens-gorge de l’aube
à perpétuité

Wir werden den Büstenhalter
der Morgendämmerung aufhaken
für immer

„die Mauern unseres sozialen und technologischen Gefängnisses“ aufbrechen. Nach dem Modernen des Haiku fragen, bedeute, so Antonini, aufzujagen, was es an Geheimnis in einer hyperüberwachten Welt gibt. „Wie können 17 Silben die mentalen Sicherheiten, die Wiederholung der Bilder, die elektronischen Rastlosigkeiten zertrümmern?“

Auf die Frage werden Vorschläge von Bashô an seine Schüler in Erinnerung gerufen:

„Hütet euch, den Speichel der Alten zu lecken!“ – „Die Formen sind geschaffen, um von ihnen abzurücken.“ – „Das Haiku muß in einer spontanen Bewegung gestaltet werden.“ – „Das Neue ist die Blume des Haïkaï. Das Alte vermittelt ein Gefühl eines Wäldchens ohne Blüten, mit Farben, die passé sind.“

Diese Ratschläge haben auch heute ihre volle Aktualität, stellt Jean Antonini fest und gibt Beispiele einiger Möglichkeiten, Neues zu erreichen, von denen einige wiedergegeben seien:

    – in der Kontrastierung dessen, was zwischen dem Natürlichem und der konstruierten künstlichen Welt existiert.

    – in der „Emotional-Intuition für die Leere“ („émotion-intuition de la vacuité“).

    – im Eintreten in die augenblickliche Übereinstimmung mit den absurd winzigen Ereignissen, die als „der große Umsturz“ für das Haiku bezeichnet wird; zum Beispiel in einem Haiku von Jean-Christophe Cros:

    minuit vint-cinq
    un grain de poussière vole
    au-dessus du lit

    0.25 Uhr
    ein großes Staubkorn fliegt
    übers Bett

    –  Das Haiku birgt auch die Möglichkeit einer beunruhigenden und manchmal in der Wortlosigkeit mitteilsamen  Beziehung zu sich selbst, zum Beispiel im Haiku von Roland Tixier:

    air glaçé je pleure
    sans aucune raison
    seul sur le quai du métro

    eisstarres Gesicht ich weine
    ohne einen Grund
    allein auf dem Bahnsteig der Metro

Vielleicht wird man, so Gilbert, in dieses „tercet“ (Anmerkung des Übersetzers: Terzett im Sinne einer dreistrophigen französischen Gedichts) „diese Überraschung eines modernen Worts in die Musik einer Alltagsgeste einführen müssen, wie Marie Mas-Pointereau es tut:

Laitue du jardin
en la préparant craque
son rire chlorophylle

Kopfsalat aus dem Garten
beim Zubereiten knackt
sein chlorophylles Lachen hervor

oder sogar den Sinn brechen, um den Blitz der Sprache in der Schwebe („l’éclair du langage suspendu“) besser kosten zu lassen, wie Pierre Courtaud:

Nèfles –
apparemment le gel
et les 5 syllabes du fond

Mispeln –
offenbar der Frost
und die 5 Silben des Kerns

Bemerkenswert ist, daß unter den die Vorschläge begleitenden Haiku  französischer Autoren ein japanisches von Ban’ya Natsuishi eingeführt wird, das schon Richard Gilbert in „Frogpond“ XXIV: 3 (2001) besprochen hat:

Du lointain futur
souffle un vent qui vient
fendre la cascade

From the future
a wind arrives
that blows the waterfall apart

Mirai yori taki o fukiwaru kaze kitaru

Aus der Zukunft
kommt ein Wind der
den Wasserfall zur Seite auseinanderweht

Gilbert bezeichnet „Zukunft“ als Schlüsselwort, das dem Dichter einen weiteren Raum zu schaffen erlaube, als es ein Jahreszeitenwort vermag. Er schreibt: „ein Wassertropfen an der Spitze wird seinen künftigen Wind treffen, um vernichtet zu werden. In einer Zone unsichtbaren Übergangs wird Raum Zeit. Doch in jenem Abschnitt des Wasserfalls, der über den Fels am Gipfel hinausstürzt in den Raum, kommt diese Zukunft nie völlig an. Die Zukunft vernichtet die Identität des Augenblicks, doch die ständige Welle der Gegenwart bestätigt sie.
[...] Dies ist ein Haiku, das Zeit und Bewußtsein verknüpft – Gegenwart und Zukunft sind weder ganz nebeneinander noch sind sie gegeneinander aufgegangen. Am Rand seiner Resonanz schwebend, ist es ein vibrierendes Bild – eine reine Quelle vitaler Existenz.“

Von Ban’ya Natsuishi sind erschienen: A Future Waterfall: 100 Haiku from the Japanese. Translated by Stephen Henry Gill, Jim Kacian, Ban’ya Natsuishi, Susumu Takiguchi. (Red Moon Press, PO BOX 2461, Winchester, VA 22604, 1999.) ISBN 1-893959-04-X. 64 pp., $ 12.00 from the publisher.

Gilbert  schließt: „Alle Mittel unseres Wunsches (oder: Lust), der Geschichte unserer Dichtung, unserer Einbildungskraft  bleiben zu erforschen, um dieses Haiku zu errreichen, das so modern ist wie die Welt, in der wir leben, und die die alten und desillusionierten Einstellungen annehmen könnte, die wir uns zuweilen zu eigen machen können.“

Couché les yeux grands ouverts
le dos un peu douloureux
Voyons ce que disent les journaux

Liegend die großen Augen offen
der Rücken ein wenig schmerzend
sehen wir was die Zeitungen sagen

Anmerkung: die japanische und die englische Version des Haiku von Ban’ya Natsuishi stammen aus „Frogpond“ XXIV: 3 (2001). Die Übersetzung ins Deutsche folgt der englischen Version.

 

 

09.05.2005 auf www.Haiku-heute.de
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