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Udo Wenzel
Mondlose Nacht


Meine Freundin war am Morgen abgereist und ich war nun für eine Woche allein auf La Palma. Wie schon in den Tagen zuvor ging ich wieder in den Schluchten der Caldera de Taburiente wandern und war zum Abend zurück an dem kleinen, abseits gelegenen Ferienhäuschen, einem umgebauten Stall, umgeben von mehreren Terrassen mit Blick aufs Meer. Bei einer Flasche trockenen Weißweins und gesalzenen Mandeln erlebte ich auch an diesem Frühlingstag den Sonnenuntergang. In der Mitte des weißen Kunststofftisches lag ein Brocken schwarzen Gesteins, den wahrscheinlich ein früherer Besucher hergebracht hatte, vielleicht vom alten Krater Hoyo Negra oben am Grat der Cumbre Vieja oder vom Vulkan Tenguia im Süden der Insel. Ich hatte ihn während unserer Unterhaltungen gelegentlich in die Hand genommen. Sein Gewicht zu spüren, wirkte beruhigend auf mich und half mir, meine Gedanken zu ordnen.

Als die Sonne hinterm Horizont verschwunden war, ging ich ins Haus, um Essen zu kochen. Ich freute mich schon auf die Nacht. An den Abenden zuvor war der Sternenhimmel zu sehen gewesen und der Mond hatte hell und klar geleuchtet. Wir hatten noch lange draußen gesessen und und über Religion geredet. Beide waren wir aus der katholischen Kirche ausgetreten und fühlten uns seit einigen Jahren von Buddhismus und Daoismus angezogen. Ich hatte meine generellen Zweifel an Religion geschildert, erst recht wenn sie mit einem „Gott“ in Verbindung steht, und hatte, wie es zum Leidwesen meiner Gesprächspartner gelegentlich meine Art ist, ohne mich unterbrechen zu lassen über die Problematik des Monotheismus und Freuds Thesen zu Moses und Echnatons Re-Kult referiert.

Gesättigt und voller Erwartung trat ich nach dem Essen nach draußen – und erschrak. Die Nacht war dunkel und mondlos, die Sterne von Wolken verdeckt. Angst beschlich mich. So hatte ich mir den ersten Abend alleine nicht vorgestellt. Schnell zog ich mich wieder ins Haus zurück, legte mich auf die alte Couch und las unruhig in mehreren Büchern. Ab und zu hörte ich ein Rascheln ums Haus, das mich immer wieder aufs Neue ängstigte. Mein Verstand sprach mit meinem Körper und erklärte ihm jedesmal, dass es sich um eine Katze oder Ratte handeln müsse. Mein Atem aber ging flach; ich war in einem Zustand erhöhter Anspannung und Aufmerksamkeit. Vor dem Zubettgehen ging ich noch einmal hinaus, das Haus hatte nur eine Außentoilette. Ohne aufzusehen, eilte ich vorbei an dem weißen Tisch und nahm im Vorübergehen sicherheitshalber den schwarzen Stein mit. Erst nachdem ich die schwach beleuchtete Toilette verließ, entdeckte ich es. Kein Mond, aber ein Sternenhimmel wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Klar und rein erstreckte sich das strahlende Band der Milchstraße bis zum Horizont. Ich ließ den Stein fallen, kniete mich nieder und begann zu beten. Ich stammelte zu Gott, der in diesem Augenblick immer schon war und immer sein wird.

Schwarzes Gestein
erleuchtet
in dieser Nacht

 

 

Ersteinstellung: 09.05.2005

 

 


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