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Mario Fitterer
Haiku und Nicht-Haiku
 

Die Erörterungen über „Haiku und Gedankenlyrik“ (Udo Wenzel) und „Objektivität und Subjektivität im Haiku“ (Hubertus Thum) öffnen ein weites Gebiet.

Chiyo-ni soll die Tendenz zum Gedanklichen im Haiku gehabt haben. Sie gelte als Autorin, bei der alles „zu Ende gedacht“ sei, sagt Ekkehard May in „Haiku mit Köpfchen“ und zitiert ein Haiku von Chiyo-ni in der Übersetzung von Coudenhoove:

Einem, der ihn brach,
schenkt er dennoch seinen Duft
Pflaumenblütenzweig!

Japanische Literaturwissenschaftler werten, so May, das Haiku als „belehrend“, „moralisierend“.

Bevor Chiyo-ni bei einem Meister jenes berühmte Haiku

Kuckucksrufe
die ganze Nacht.
Nun die Dämmerung.

gefunden, das „ein getreues Abbild dessen, was die Dichterin wirklich über den Hototogisu empfand“, war, hatte sie nach Meinung des vorher alle Haiku zurückweisenden Meisters „immer über das Sujet ihres nächsten Haiku nachgedacht“ (Daisetz T. Suzuki).

In Bashôs bekanntem Frosch-Haiku ist die Differenz zwischen Wahrnehmendem und Ereignis aufgehoben. Kein bißchen steuerndes Denken hat sich eingemischt. Der Dichter ist im Ton, der Ton im Dichter. Issa, der sich zunächst an Bashô orientierte, brach entschieden mit dieser Art Haiku. Er machte seine Lebensverhältnisse, seine Armut und Not zum Thema seiner Haiku.

Welches Haiku nun? Das nach Bashô, das nach Issa, das nach Shiki (shasei)? Das moderne? Von ihm wird zu wenig gesprochen. Noch zu untersuchen wäre, inwieweit Gedankliches und Subjektives das moderne japanische Haiku bestimmen. Frage ist, ob unsere Haiku sich nicht eher mit dem modernen als mit dem traditionellen japanischen Haiku messen sollten.

Die Antwort dürfte wohl je die Persönlichkeit des Autors, sei es „der mehr auf bildhafte Informationsverarbeitung Fixierte“ oder der „in rational-abstrahierende (‘erklärende’) Bahnen Driftende“ (Hubertus Thum), und der jeweilige Augenblick geben; auch wird die unterschiedliche Auffassung darüber, ob ein gutes Haiku gute Grundqualitäten des Menschen voraussetze, oder ob es allein auf das künstlerische Prinzip ankomme, eine gewisse Rolle spielen.

Mich interessiert die Frage, welche Elemente ein Haiku haben sollte, um dem Begriff im ursprünglichen Sinne zu entsprechen, d. h. die Stelle, wo ein Haiku in ein anderes Genre, z. B. in ein Epigramm, übergeht, das die griechische Haikupoetik teilweise als dem Haiku verwandt ansieht. Folgende Elemente sehe ich als wesentlich an. Ich gehe aus vom

Augenblick der dynamischen Begegnung

Betrachtet man das Fließen der Zeit als Folge von Augenblicken, in deren Verlauf der Haiku-Autor nie derselbe ist, wird jeder auslösende Moment je die Art des Haiku bestimmen. Der Autor ist dem Ereignis bald näher, bald ferner; in einer distanzierten Begegnung ist Raum und Zeit, das Ganze zu be-denken.

Ist der Autor Medium, stellt er sich (im Sinne von Daisetz T. Suzuki) der Inspiration „wie eine Art Automat zur Verfügung, ohne jede Einmischung“. In diesem Falle ereignet sich eine intensive Kommunikation zwischen Wahrnehmendem und Entdecktem, bei der

kein steuerndes Denken

sich einmischt und das Ereignis im Haiku transparent wird in dem Maße, wie der Autor sich dem entscheidenden Momennt ohne Be-Denken überläßt. Man denke an eine große Überraschung, bei der einem spontan ein Ausruf oder ein paar Worte entfahren, ohne Zeit zu finden, darüber nachzudenken. In diesem Ausruf und Ton ist der Erlebende ganz nahe am Ereignis. Vielleicht ist das authentischte Haiku das akustische.

Wir werden uns schwer tun. Denn unsere Weise, die Welt wahrzunehmen, ist eine andere als die japanische. Der östliche Mensch, formulierte es ein japanischer Haikuloge in einem Vortrag 1988 in Freiburg, versenke sich in den Gegenstand und verleibe ihn sich ein, der westliche habe die Tendenz, ihn zu analysieren und zu zergliedern.

Freilich auch bei uns sind Annäherungen möglich. In der Betrachtung liege eine tätige Beziehung zwischen Ich und Natur, die eine „magische Bindung“ auslöse, „in der der Abstand zwischen Subjektivität und Objektivem gering, wenn nicht sogar aufgehoben wird“. Nicht das Denken schaffe den engen Zusammenschluß von Sprache und Natur, sondern die „Anschauung der Dinge“ (Wilhelm Lehmann)

Leerer Raum

Bashos „Krähen-Haiku“ löst viele Assoziationen aus. Es bleibt ein Ungesagtes, Geheimnisvolles, yûgen, ein Bereich jenseits der Worte. Möglich, daß W. v. Bodmershof hier den verborgenen Sinn gesucht hat (während das Haiku doch nach Roland Barthes ohne jeden Sinn ist). Der Begriff yûgen kommt in der deutschen Haikupoetik im Unterschied etwa zur italienischen kaum vor. Je mehr das Schweigen, in Balance mit dem Wort, sich im Haiku ausbreitet, um so geringer der Raum für Gedankliches. Im Nachklang aus dem Schweigen entfaltet sich eine

Vielfalt von Assoziationen

Für das japanische Haiku ist die Andeutung, das Offen-lassen, grenzenlose Vorstellungswelt von elementarer Bedeutung. Auch Ekkehard May mißt dem m. E. in der Anthologie zum 1. Deutschen Internet-Haiku-Wettbewerb Bedeutung zu, wenn er sagt, Chiyo-ni gelte als Autorin von Haiku von zu wenig „Nachklang“, „die außerhalb, jenseits der Worte Reflexionen und Assoziationen in Gang zu setzen vermögen“. Zum Haiku von Kiki Suarez

Ich sehe dich an,
aber finde dich nicht mehr
in meinen Augen

sagt er, solche Verse gäben dem Haiku ohne Jahreszeitenwort wohl „seine Berechtigung“, „einen Gedanken, der zahlreiche Assoziationen auslöst und ein Bild, das zu vielfältigen Reflexionen Raum gibt, in asketisch strenger, weil kurzer Form zu konzentrieren“.

Auf japanischer Haiku-Seite ist man nicht nur an der Internationalisierung des Haiku im ureigenen Sinne interessiert. Es gibt auch Stimmen, die sich vom nicht-japanischen Haiku eine Bereicherung und Erneuerung des eigenen versprechen. Yasuko Nagashima ist der Ansicht, schöne bildhafte und abstrakte Wörter, die den westlichen Sprachen allgemein eigen seien, fügten dieser Form von Dichtung einen neuen Charakter hinzu und trügen dazu bei, ein „Haiku-Universum ohne Grenzen“ zu etablieren.

 

Literatur

Jean Cholley, Kobayashi Issa. En village de miséreux. choix de poèmes, traduit du japonais, présenté et annoté par Jean Cholley, Paris, 1996

Edgar March, (Hg.), Moderne deutsche Naturlyrik, Stuttgart, 1980

Yasuko Nagashima, Lumière de luciole et Kafka. haïkus d’Allemagne, d’Autriche, et de Belgique (flamand), 2000, http://www.big.or.jp/-~loupe/mu15(nagashim.shtml

Daisetz T. Suzuki, ZEN und die Kultur Japans, Bern, München, Wien, 1994

Erika Wübbena (Hg.), Haiku mit Köpfchen. Anthologie zum 1. Deutschen Internet Haiku-Wettbewerb, Hamburg, 2003

 

Ersteinstellung: 29.10.2003

 

 


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