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Gerd Börner
Renku-Dichtung
 

Renku bedeutet wörtlich „verkettete Verse“. Die Tradition des geselligen Dichtens reicht weit in die japanische Literaturgeschichte zurück und wurde von Matsuo Bashô (1644-1694) zu einer neuen Blüte geführt. Bashô entwickelte für diese literarischen Sequenzen neue ästhetische Ideale und führte die Dichtung des aufstrebenden Bürgertums damit aus einer häufig aus Wortspielen bestehenden Spielerei zu hohem literarischen Ansehen. In der Renku-Dichtung besteht die Kunst darin, einen Anschluss an den vorangegangenen Vers zu finden (englisch link), um dann mit einem phantasievollen Sprung (englisch shift) in neue Schauplätze, Zeiten, Stimmungen und Erfahrungen einzutauchen. Das Haikai lebt von Neuem. Dieser Grundsatz gilt besonders für das Renku und lässt dadurch die spezifische Spannung entstehen, fordert Erfindungsreichtum und erzeugt so die Freude der Autoren an der gemeinschaftlichen Dichtung.

Link und Shift sind die beherrschenden und unverzichtbaren Prinzipien der Renga- bzw. Renku-Dichtung. Beim Link werden drei unterschiedliche Methoden benutzt. Es gibt die Möglichkeit, an Objekte anzuknüpfen (zum Beispiel Tannenbaum – Weihnachten), an Bedeutungen (Wortspiele, oder Sinnbezüge Beispiel: Wein im Fass – Wasser im Fluss) oder den „Duft“, das heißt ein auf Eingebung oder Ahnung basierendes Erfassen einer Stimmung oder einer Erfahrungsebene der Vorstrophe in sich aufzunehmen und daran weiterzudichten. Im Shift soll zu Neuem vorangeschritten werden, um einen möglichst weiten Ausschnitt der Mannigfaltigkeit unserer Welt zu zeichnen. Um dies zu gewährleisten sollte auch darauf geachtet werden, dass nicht zu Motiven des Vorvorverses zurückgekehrt wird.

Die beliebteste Form der Renku-Dichtung ist das Kasen mit 36 Strophen. Ein Kasen ist zwar immer  einer Jahreszeit zugeordnet, aber im Verlauf des Kasen werden alle vier Jahreszeiten besungen. Der Dichtung liegt eine Schablone zugrunde, die festlegt an welchen Stellen welche Jahreszeiten bzw. Themen angesprochen werden. Drei Vers-Positionen innerhalb des Kasen sind dem Mond und zwei den Blüten – traditionell den Kirschblüten – gewidmet. Andere Strophen erzählen von der Liebe oder beziehen sich auf freie Themen (das heißt diese dürfen keinen Bezug zur Liebe, zu Blüten, Mond oder Jahreszeiten enthalten).

Die Gesamtstruktur eines Kasen besteht aus drei Teilen: der Einleitung, dem Prolog oder der Ouvertüre (sechs Strophen) , dem Hauptsatz, der Entwicklung oder Erweiterung (24 Strophen) und dem Schluss, der Folgerung oder dem Epilog (sechs Strophen). Der erste Vers, das Hokku (aus dem das spätere Haiku entstand), startet mit der Jahreszeit nach dem das noch zu komponierende Kasen benannt wird (zum Beispiel mit dem Winter für ein Winterkasen) und stimmt die Teilnehmer in die Kettendichtung ein. Der Schlussvers, das Ageku, bezieht sich immer auf den Frühling und schließt in optimistischer Stimmung das Renku.

Die Arbeit an solcher Gemeinschaftsdichtung führt uns zurück zu den Wurzeln dessen, was wir heute unter Kurzlyrik nach dem Vorbild japanischer Dichtung verstehen. Sie weist uns in eine Welt der Achtsamkeit von Natur und mitmenschlichem Sein.

Weitere Einzelheiten siehe auf der Homepage IDEEDITION Gerd Börner unter Erläuterungen zur Kurzlyrik – Renku.
 

Kasen auf Haiku heute

Zwischen Kornraden (Sommer-Kasen)
Im Eishafen (Winter-Kasen)
Narzissenstaub (Frühlings-Kasen)
Barbarazweige werfen Schatten (Winter-Kasen)

 

Ersteinstellung: 09.12.2004

 

 


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Aktuell 15.11.2017 auf www.Haiku-heute.de  I  Alle Rechte vorbehalten