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Rezensionen

 

 

Gerd Börner: Hinterhofhitze.
Moderne Kurzlyrik – Haiku und Haibun
Verlag IDEEDITION, Berlin; 2005, Pb.; 164 Seiten, 12,90 Euro:

Der Deutschen Haiku-Gesellschaft ist Gerd Börner bereits vertraut als Gestalter und Betreuer ihrer Website und Vorstandsmitglied. Diese Aufgaben haben ihm dankenswerterweise genug Zeit gelassen, sein erstes eigenes Haiku-Buch zu veröffentlichen: „Hinterhofhitze. Moderne Kurzlyrik – Haiku und Haibun“. Vorweggenommen sei: Ich halte diesen Band für richtungsweisend in Bezug auf eine eigenständige Weiterentwicklung der Gattung im deutschen Sprachraum.

Das Buch fällt schon rein äußerlich wohltuend aus dem Rahmen der üblichen Haiku-Publikationen. Es hat normale Taschenbuchgröße. Das Titelbild suggeriert keine Naturnähe, sondern ist gestaltet aus kleingedruckten Verszeilen und Wörtern. Ein Verweis auf das Haikuverständnis des Autors, der vermuten lässt, dass er sich bewusst ist, dass Dichtung wesentlich aus Sprache entsteht und nicht etwa aus einer scheinbar direkten Erfahrung von Natur.

Der Band enthält Haiku aus den letzten fünf Jahren, einzelne davon sind ins Englische und Französische übersetzt, und mehrere Haibun. Aufgelockert ist er durch erläuternde oder ergänzende Kommentare, die einen Zugang zu den Gedichten erleichtern. Den literarischen Teil umrahmt ein Vorwort von dem in Kalifornien lebenden Dichter, Zeichner und Bildhauer Werner Reichhold und ein Nachwort vom Autor. In beiden Essays ist die Intensität der Auseinandersetzung mit den heutigen Problemen dieser Gattung erkennbar. Dem Silbenschema des so genannten traditionellen japanischen Originals sieht sich Börner ebenso wenig verpflichtet wie der Forderung, ein Haiku müsse eine Naturerfahrung zum Gegenstand haben. Dagegen schließt er in der Präsentation an die japanische Tradition einer Verbindung von Bild und Text an. Neben mehreren Haiga und Foto-Haiku findet man auch einige Schwarz-Weiß-Fotos.

Gerd Börner wurde 1944 in Warnitz in der Uckermark geboren und lebte lange Zeit in Ost-Berlin, von wo aus er 1982 in den Westen übersiedelte. Seine Biografie ist in seinen Texten aufgehoben; beispielsweise in dem Haibun „Über die Ucker“, aber auch in einigen Haiku, die die Erfahrung der sozialistischen Herrschaft thematisieren. Börners Ansatz ist dabei nicht explizit politisch, er orientiert sich eher an einem so genannten „ganzheitlichen“ Haiku, das im Gegensatz zum „traditionellen japanischen Haiku keine Tabuthemen kennt. Deshalb wohl finden sich hier erotische Texte neben politischen, humorvolle und ironische Senryu, leichte und tragische Alltagserfahrungen stehen neben traditionellen Naturbeschreibungen, in denen Schönheit und Vergänglichkeit zugleich aufscheinen. Vielleicht könnte man Gerd Börners Herangehen als Ausdrucksweise eines modernen ökologischen Bewusstseins beschreiben. Eine scharfe Trennlinie zwischen Mensch und Natur wird nicht gezogen, die Natur selbst nicht romantisiert, sondern auch in ihren bedrohlichen Aspekten vorgeführt.

Der Stil der Haiku ist vielfältig. Man findet sowohl die sogenannten „klassischen Haiku“, die einen Jahreszeitenbezug enthalten und sich am traditionellen japanischen Silbenmuster orientieren, in der Mehrzahl aber doch Haiku der freien Form. Hier zwei Beispiele:

Nur für Sekunden
leise trommelt die Buche –
der Weg bleibt trocken

Im Stelenfeld –
kein Weg
hinaus

Da viele Texte ohne Jahreszeitenbezug zu finden sind, wäre es konsequent gewesen, die vorhandene Aufteilung in Jahreszeiten wegzulassen. Dennoch: Mit dieser Buchveröffentlichung befindet sich Börner auf der Höhe seiner Zeit. Ohnehin handelt es sich bei den gebetsmühlenartig wiederholten Definitionen (5-7-5, Naturbezug) um beschränkte Sichtweisen. In Japan selbst hat das Haiku in den letzten Jahrzehnten Entwicklungen durchlaufen, die im Westen erst noch wahrgenommen werden müssen. Eine Entwicklung zum Haiku der freien Form und frei von einem obligatorischen Jahreszeitenbezug wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Kawahigashi Hekigotô angestoßen und von namhaften Autoren wie Ippekiro, Seisensui, Osai und besonders Santôka Taneda weitergeführt. Heute existiert neben der sogenannten traditionellen Haiku-Welt eine lebendige zeitgenössische Haiku-Szene, die frei von althergebrachten Zwängen mit dem Genre experimentiert. Zudem entwickelte sich das Haiku in anderen Ländern, vor allem in den USA, beeinflusst von den Autoren des Imagismus, mehr und mehr in eine eigenständige Richtung. An diese Eigenständigkeit in der Gattungsentwicklung schließt Börner an. Erfreulicherweise ist der Band frei von Japonismen. Dass ihm im Vorwort von dem Haiku-Pionier Werner Reichhold eine Nähe zum Zen attestiert wird, ist mir nicht einsichtig geworden, zumal Gerd Börner die so oft genannte Verbindung von Haiku und Zen eher skeptisch sieht.

Kritisierenswert wären allenfalls einige Passagen seines Nachworts „Augenblickserfahrung und Internationalität in der Haiku-Dichtung“. Wie so oft, wurden auch hier falsche
Vorstellungen über das japanische Haiku unüberprüft übernommen. Weder hat Bashô eine neue Form der Kettendichtung etabliert (die gab es schon zu seiner Zeit) noch wollte Shiki die Welt so zeigen, „wie sie ist“. Shiki war kein Realist im westlichen Verständnis des Begriffes. Sein „Realismus“ war selektiv: Nur die Schönheit der Natur sollte so dargestellt werden „wie sie ist“. Auch Börners Bemerkungen zum Shasei sehe ich skeptisch, nicht nur in Bezug auf seine Definition, fragwürdig ist auch, ob in diesem Zusammenhang Begriffe wie Objektivität und Subjektivität einer zeitgemäßen Theoriebildung angemessen sind. Angesichts der mangelhaften Quellenlage im deutschsprachigen Raum sind diese theoretischen Schwachpunkte aber verzeihbar und sie mindern nicht im geringsten den literarischen Wert des Buches. Seine Veröffentlichung fällt in das Einstein-Jahr 2005. Ein charmanterer lyrischer Beitrag als dieses Haiku wird sich dazu schwerlich finden lassen:

Im Treppenhaus ...
dein Lächeln
ist schon oben

Besprechung von Udo Wenzel, 05.12.2005
 

 

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EpigrammeHaiku
von Armando Gnisci

Mangiava pane
alla luna d’agosto
era contento

Er aß Brot
beim Schein des Augustmonds
er war zufrieden

Das „Büchlein“ von Armando Gnisci „SOFÀ ORIENTALE OCCIDENTALE EPIGRAMMI HAIKU FRITTI  E/O SODI Con il Commento del. Prof. Armando Gnisci de ‘La Sapienzia’ di Roma“ (Östlich-Westliches Sofa, Epigramme Haiku, fritiert und/oder hart Mit einem Kommentar von Prof. Armando Gnisci von der „La Sapienzia“ von Rom), eine mit allerlei (Schreib)Früchten gefüllte Schüssel (satura), enthält unter den teils „parodistischen“ „kleinen Stücken“ auch Epigramme und Haiku, darunter das zitierte.

Eine Eigenart dieses „Libercolo“ ist, daß zu jedem Text von Armando Gnisci Prof. Armando Gnisci von der „La Sapienza“ von Rom seinen Kommentar gibt, so auch einen selten kurzen zum zitierten Haiku: „Ich aß Brot beim Schein des Augustmonds, ich war zufrieden, hm“.

Der Text vermittelt die volle Zufriedenheit mit der vergegenwärtigten Situation, die nichts zu wünschen übrig läßt. Darüber hinaus kann der Text im Zusammenhang mit einem anderen gelesen werden:

All’Abate del Ryoan-ji

Imparo solo
per essere contento
dice la pietra lustrale
Anch’io qui

Dem Abt des Ryoan-ji

Ich lerne nur
um zufrieden zu sein
sagt der läuternde Stein
Auch ich hier

Prof. Armando Gnisci bemerkt hierzu: der Text beziehe sich auf den berühmten kreisförmigen Stein im Bereich des Zen-Tempels von Kyoto, der wie alle buddhistischen Tempel einlade, sich vor dem Gebet zu läutern und zu trinken. In den Stein seien die ersten beiden Verse des in Übersetzung wiedergegebenen Spruchs eingemeißelt.

Der Ryoan-ji, der berühmte Steingarten, ist im Büchlein abgebildet. Gnisci gibt  dazu den Titel: „Cicero, Vergil, Philodemos aus Gadara, Horaz, Ovid, Seneca und Martial zu Besuch beim Ryoan-ji (die lateinischen Schriftsteller erscheinen nicht figürlich, da sie zu sehen sind, ohne sichtbar zu sein)“.

(Prof.) Armando Gnisci bringt hier zwei völlig unterschiedliche Welten zusammen: die östliche, ihn inspirierende, und die westliche, in der er seine Wurzeln hat. Die Haiku und Epigramme, die dabei herauskommen, seien weder das eine noch das andere. „Insgesamt sind sie”, sagt Prof. Armando Gnisci, „die synthetische und ein wenig korsarenhafte Weise, mit der ich meine (und/oder Grenzen überschreitende) und einzigartige (für mich in meiner Absicht höchste) Liebe zur Latinität, von der ich herkomme,und zum Japanischen, das mich erobert hat, bezeuge.

Ich werde jemals weder im augustäischen Imperium noch in Japan leben. Deshalb schreibe ich Epigramme, die Haiku ähneln und Haiku, die irreparabel künstliche Epigramme sind. Zufrieden?“

Armando Gnisci, „SOFÀ ORIENTALE OCCIDENTALE EPIGRAMMI HAIKU FRITTI  E/O SODI Con il Commento del. Prof. Armando Gnisci de ‘La Sapienzia’ di Roma“, Roma, Bulzoni Editore, 1994, p. 79 - ISBN 88-7119-697-X.

Mario Fitterer, Juli 2005

 

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Gerd Börner: Hinterhofhitze, moderne Kurzlyrik – Haiku und Haibun, IDEEDITION, Berlin, 2005, ISBN 3-00-015797-2, Preis: € 12,90; zu bestellen in allen Buchläden, bei Books on Demand GmbH, Gutenbergring 53, 22848 Norderstedt oder beim Autor: Gerd Börner, Brahmsstraße 17, 12203 Berlin.

Besprechung von Werner Reichhold in Lynx, Juni 2005:
http://www.ahapoetry.com/ahalynx/202bkrvs.html

10.06.2005

 

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Ruth Franke
Zeitreisen
Neue Haibun von David Cobb

Die Kunst des Haibun erlebt heute eine Renaissance. Auch immer mehr deutsche Autoren entdecken die Faszination dieser Haiku-Prosa, bei der von der reinen Erzählung, vom Reisetagebuch bis hin zum Surrealen, Traumhaften alles möglich ist. Da ist es interessant, einmal über den Tellerrand zu schauen, um zu sehen, was in Ländern mit längerer Haibun-Tradition geschieht.

Der britische Haiku-Dichter David Cobb, ein erfahrener Haibun-Autor, setzt in seiner kürzlich erschienenen Sammlung „Forefathers“ neue Maßstäbe. Schon der Titel weist in die Vergangenheit, und so geht dieses Buch über die Schilderung gegenwärtigen Erlebens (die „horizontale Achse“) hinaus und erschließt neue Dimensionen durch Abstecher in die Vergangenheit (die „vertikale Achse“). Der Autor lässt so Personen und Ereignisse aus der historischen und kulturellen Vergangenheit Englands wieder aufleben und sieht sich dabei in der Tradition von Bashōo.

Ein besonderer Gag gelingt David Cobb in der skurrilen Titelgeschichte, bei der er seine eigenen Wurzeln wieder entdeckt hat. Verschiedene Generationen seiner Vorfahren (von 1584 bis 1917) kommen zu einem fiktiven Familientreffen im Glockenturm ihrer Abteikirche zusammen und tauschen eine Art historischen Klatsch aus über wichtige Dinge aus ihrem Leben. Zwischen den knappen Sätzen werden Abgründe sichtbar, und das Schicksal der Untertanen in harten (Kriegs-) Zeiten jenseits des heroischen „dulce et decorum est ...“ wird deutlich.

Ähnlich kritisch hinterfragend und sehr bewegend ist das Haibun „Business in Eden“. Hier treffen sich horizontale und vertikale Achse in der Person eines einfachen Soldaten im Irak-Krieg. Die kursiv gedruckten Sätze aus der Ansprache des Colonels wechseln ab mit den Gedanken des Soldaten an daheim und an seine Frau, die ein Kind erwartet. Das Bild des zur Gartenarbeit zweckentfremdeten Bajonett-Erbstücks ist eine zeitgenössische Variante von „Schwerter werden zu Pflugscharen“.

Inspiriert von Bashōos „Oku-no-hosomichi“ unternimmt David Cobb in „The Spring Journey to the Saxon Shore“ eine Reise mit dem Rad an Norfolks Küste, um Ostenglands geschichtliches und kulturelles Erbe wieder zu entdecken. Knappe Schilderungen einer Frühlingslandschaft mit realen Begegnungen wechseln bei jedem Halt ab mit Erinnerungen an die Geister der Vergangenheit, die für ihn untrennbar an den Ort gebunden sind. Die Haiku passen perfekt in die Prosa und verbinden beide Zeitebenen oder führen wieder in die Gegenwart zurück.

Bei diesen Zeit- und Gedankenreisen erhebt sich natürlich die Frage: Welches Wissen kann man beim Leser voraussetzen? Der Autor gibt Anhaltspunkte, damit der Text verständlich und erkennbar wird, wann beim Zusammentreffen beider Achsen die Realität in Erinnerung oder Imagination wechselt. In „A Day in Twilight“ zum Beispiel, wo zwei Dichter verschiedener Epochen zu einer amüsanten Konversation aufeinander treffen, könnte ein rotbeiniges Rebhuhn sich in den altmodisch gekleideten Poeten Edward Benlowes verwandelt haben. Manchmal weisen besondere Wörter oder symbolische Bilder auf den historischen oder mythischen Hintergrund hin. Aber nicht jedes Detail muss entschlüsselt werden, gerade das Rätselhafte, Geheimnisvolle macht den Reiz dieser Haibun aus.

David Cobb ist hier ein faszinierendes Buch gelungen, das neue Dimensionen erschließt und Impulse geben kann. Für deutsche Leser stellt es eine Herausforderung dar – nicht nur wegen der mitunter schwer verständlichen Sprache, sondern auch wegen des historischen Hintergrundes einer uns nicht so vertrauten Kultur. Wer sich darauf einlässt, wird es mit großem Gewinn lesen, denn hier ist ein Haibun-Kenner und -Könner am Werk, der in der Tradition wurzelt, aber kritisch und illusionslos durchleuchtet, was er in Geschichte und Gegenwart entdeckt:

torso, this world,
struggling to bring together
its head and its heart

David Cobb: Forefathers. Published 2004 by Leap Press, P.O. Box 1424, North Falmouth, MA 02556, $ 7 + postage.

(Das Buch kann auch beim Autor selbst bezogen und in Euro bezahlt werden:
 

10.06.2005

 

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Volker Friebel: Kreise malen. Lyrik und Haiku. Wolkenpfad, Tübingen, 2005, 112 Seiten, 9,50 Euro; ISBN: 3-936487-06-5. Über den Buchhandel erhältlich oder beim Autor bestellbar:
 

10.06.2005

 

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Fitterer, Mario: Klingendes Licht. 32 Heliolithe. Mafora, Biederbach, 76 Seiten, 1996, 6,14 Euro, ISBN: 3-929939-01-0.

Fitterer, Mario: der springende stein. Haiku und ein Dialog. Mafora, Denzlingen, 1993, 124 Seiten, 11,25 Euro, ISBN: 3-929939-00-2.

Das „Klingende Licht ist ein kleinformatiges Buch, 32 – tja, was nun, „Heliolithe“ nennt sie der Autor vorsichtshalber, eines nur auf jedem Blatt, das ist nicht viel Druckerschwärze, immer wieder Fremdwörter, die ich nicht verstehe, eine konsequente kleinschreibung mit verzicht auf jede zeichensetzung was ich auch nicht mag – weshalb, weshalb nur nehme ich immer wieder dieses Buch in die Hand, und staune? Derart konzentriert ein wunderbarer Text nach dem anderen: Wer immer deutschsprachige Haiku schätzt, dieses Buch sollte unter dem Kopfkissen liegen!

Das Format des „springenden steins ist etwas größer als beim „Klingenden Licht“, was heißt, das eine Haiku pro Blatt hat mehr Platz für sich, die es auch zu nutzen versteht. Wenn ich recht gezählt habe, enthält das Buch zunächst 31 Haiku von Mario Fitterer. Dann folgt ein fiktiver Dialog, der nochmals einige Haiku des Autors bietet, neben japanischen Haiku, sowie der sicherlich interessantesten, aber auch schwierigsten Auseinandersetzung mit dem Haiku, die ich kenne. Natürlich sollte man unter dem Kopfkissen keinen Bücherberg aufschichten – aber so besonders dick sind die beiden Bände ja nicht ...

Volker Friebel; erstmals im Netz am 01.03.2002 auf HaikuHaiku.de

 

 

Aktuell 05.12.2005 auf www.Haiku-heute.de
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