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Mario Fitterer & Volker Friebel
Rindenrisse

 

1

Morgenläuten im Elztal.
Ein Lieferwagen biegt in die Steigung
zum Bäreneckle. Der Wirtin Bub
spielt Hoppereiter, sie ächzt.
Plötzlich wieder die Furcht, der Himmel könnte
zu reden beginnen.

 

2

Schau schau Chow Chow
dem Frauchen entsprungen
vor unsere Füße im Gras
das Blau seiner Zunge
Paprika Apfel Wasser
noch einen Schluck und schon
rücken Tannen dicht auf den Pelz.

 

3

Bärenhäuter, Allerleirau,
streunend findet
der Himmel dich nicht. Geöffnet das Auge
der Buche, zweier Wanderer Schatten,
im Schwarzwaldschatten gelöst.

 

4

Die Gegend flutet
übers freie Feld lockt
hinab in die Stadt
zum Schelleneck hinauf
verknüpften Wasserschläuchen zu folgen
zum Pfadfindercamp oder zur Quelle
im Wald wo erzählt man
ein Hof dessen Zufahrt verwachsen
wo niemand gesehen
nachts manchmal ein Licht.

 

5

Immer noch zögernd
schauen wir hoch in die Wolken.
Kein Regen, nein.
In das Wegkreuz schlug schon mal der Blitz.
Doch Halme, Menschen,
alles dürstet
hinauf.

 

6

Gras über Gras, wächst, kaum dass es gemäht. Hier hüteten Kinder
Kühe und Kälber, träumten, ausgestreckt in die Blumen,
von der Heimkehr des Vaters aus dem Feld. Wieviel Heu
fuhren sie in die Scheune seither? Barfuß gehen, wir wagen es nicht
im Sommergras lauern Zecken.
Wir bleiben auf dem Weg.

 

7

Am Bildstock für den im Schnee
Verirrten, Gestorbenen, stehengeblieben.
Eine Überwachungskamera in der Linde erfasst Bewegung,
des Wanderers Atem,
der stockt –
und vorsichtig weiterströmt,
langsamer,
tiefer.

 

8

Kein Ort, der dem allsichtigen Auge entgeht, wohin es nicht folgt,
unter Steinlasten Gebeugten, für Untaten und Versäumtes büßend, den
Boden vor Augen, an jenem Abend den Kursbesucher aus dem Purgatorio
begleitend auf Gleis 6, wo er, allein, im Vorübergehen an der Rufsäule liest:
Sie werden kameraüberwacht.

Da wünsche ich mich zu den Wölfen im Wallis.

 

9

Alles durchdringend Grillen.
Drüben wurde ein Hof abgerissen.
Eigentumswohnungen, neu. Das wird nun
ein Vorort der Stadt,
auf der Gemarkung des Dorfes.
Eine Katze duckt sich,
als sie uns sieht.
Und schleicht doch heran.

 

10

Um den Gasthof stehen Gebäude gedrängt. In Reihen von Villen auf hohen Gneisfundamenten, Häusern, Garagen verlabyrinthet der Weg in die Stadt durch den Wald. Was dort an dein Ohr rauscht, der Bach ist es nicht.

 

11

In Elzach die Fußgängerbrücke,
ein Junge wirft Brot, Forellen springen gierig
aus hungriger Stille in Stadtlärm.
Wo du bist, wirst du atmen. Der Himmel.
Holunderbeeren, fast alle
schon schwarz. Zwei Wanderer lehnen übers Geländer.
Der Tannen Schatten hoch von den Bergen
bringt Kühlung.

 

12

Risse hinter Rissen in Rinden und nichts
ist dahinter kein Wald stämmt sich entgegen
Lücken Sprünge
ins Licht zerrieselnde Konturen
jedes Haus saugt seinen Schatten auf
Cirruswolken
außer Rand und Band
tanzt der Narr
auf dem Rande des Brunnens

 

Gerade Ziffern Mario Fitterer, ungerade Volker Friebel.

 

Nachbemerkung

Das Haiku hat sich historisch aus dem ersten Glied eines Kettengedichts entwickelt. Auf Haiku heute wurde eine Anzahl Kettengedichte veröffentlicht, die auf Grundprinzipien japanischer Renga oder Renku zurückgreifen. Nach der Weiterentwicklung des Haiku liegt es nahe, auch nach einer Weiterentwicklung des Kettengedichts zu fragen. „Rindenrisse“ lässt sich als Renshi bezeichnen, eine moderne Form des Kettengedichts, wie sie erstmals in den 1970er Jahren von Ooka Makoto und einem japanischen Dichterkreis und hierzulande vom Züricher Japanologen Eduard Klopfenstein mit deutschsprachigen und japanischen Dichtern veranstaltet wurde.


 

15.09.2007 auf www.Haiku-heute.de
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