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Werner Reichhold
Ruf in Rot
Tanka-Sequenz:


Ruf in Rot
der Feuerwasserhähne
abgegriffen und Mitte
von Kinderspielen
an dieser Kreuzung

zu einer Naht
Verfließendes
unbelauschter Adern
und Harm in Bögen
höherer Augenbrauen

das Wogen
bei den Tanzkleidern
von wenig Wein die Wirbel
um das Alphabet
sich Näherkommender

Pfauenaugen
Stunden ohne Uhr mit Blick
aus dem Gefieder
zurückfedernde Eile
weich geschlagener Räder

bei den von Spinnenweben
eingefangener Mücken
das kleiner werdende
Wollknäuel Großmutters
an Handschuhfingern

fünf Tage Licht verdrängt
in Dunkelfährten
Kupfer
die Radierung das Gesicht
ausgewalzter Narben

 

 


 

Zitat aus einem Brief von Werner Reichhold, in dem er auf die Frage antwortet, warum er seine Gedichte, die stilistisch vom herkömmlichen Verständnis des Tanka abweichen, noch Tanka nennt:

Ich sage nicht, dass ich hinsichtlich meiner Gedichte auf der Genrebezeichnung Tanka bestehe. Natürlich sehe ich bei der Zusammenschreibung mehrerer Tanka zu größeren sprachlichen Einheiten einen Schritt, der der Erklärung in den Kreisen bedarf, die nur Einzel-Haiku, Einzel-Tanka schreiben.

In meiner Sequenz Ruf in Rot ist der Tanka-Form Genüge getan. Im Übrigen ist es ein deutsches Gedicht, und zeigt dementsprechend keine sichtbare inhaltliche Affinität zur japanischen Kultur. Die Weiterentwicklungen der von Japan als Tanka, Renga, Haiku, Haibun und Haiga eingeführten Formen haben schon derart große Veränderungen erfahren, dass die Weiterbenutzungen der japanischen Termini allesamt immer fraglicher werden. Zur Illustration folgende wahre Geschichte: Es ist schon 15 Jahre her, dass wir unsere Partner in Japan fragten, ob sie unser Magazin MIRRORS erhalten hätten. „Oh ja“, war die Antwort, „das haben wir erhalten, Danke schön, aber wir lesen es nicht“.  Sagt das etwas? Ja, es sagt viel, aber auch nicht alles, denn wer heute japanische Haiku- oder Tanka-Magazine studiert, kann leicht sehen, wie sich der westliche Einfluss bei Japanern ausgewirkt hat. Viele schreiben – auch in ihrer Schrift – in drei Zeilen, wobei die Schneideworte und andere Weglassungen zu 14, 13 oder weniger Lauteinheiten beim Japanischen Haiku geführt haben. Ade 575, bzw. ade 57777 im Tanka, einerseits, aber noch viel wichtiger ist eben der westliche Einfluss zu erkennen, wenn man auf die Poesie selbst schaut. Die Magazine von Haiku International, „HI“, und dem Nihon Kajin Club mit „The Tanka Journal“, beide in englischer Sprache, bezeugen das. In Japan besteht die Bereitschaft zu einer Veränderung des Denkens, andernfalls hätte uns, bei sehr guter Kenntnis dessen, was meine Frau Jane und ich schreiben, der japanische Kaiserhof nicht diese Aufmerksamkeit geschenkt.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Werner Reichhold

 

 

Ersteinstellung: 10.09.2006

 

 


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