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Hans Lesener
Vernissage

Sonntagvormittag, viertel nach elf. Verspätung – die Vernissage hat schon angefangen. Ausgerechnet heute eine Ausstellungseröffnung im Freien, vor dem Glaspavillon am See. Es ist diesig und kalt. Auf dem Parkplatz alles grau in grau.

Den Fußweg entlang, vorbei an den Trauerweiden. Über den Uferwiesen ein unruhiges Licht: Die Beleuchtung der Installation. Jetzt kann ich auch die Besucher sehen. Stimmengewirr. Jemand hält draußen eine Rede über das Kunstwerk im Inneren. Es heißt „In a dining room“. Der Künstler, ein junger Japaner, klebt noch schnell eine Klarsichtfolie mit dem Titel auf die Glastür.

Hinter den beschlagenen Scheiben erkenne ich die Arbeit: Leere Tische und Stühle, zu einem großen Geviert zusammengestellt. Die Tischgesellschaft fehlt. Ihre Geräusche werden nur vom Band über Lautsprecher eingespielt. Tischgespräche aus aller Herren Länder werden nach draußen übertragen. Ein babylonisches Durcheinander. Während ich noch versuche zuzuhören, Sprachfetzen einzuordnen, mir die Teilnehmer vorzustellen, kommt der Redner zum Schluss. Einzelne Wendungen bleiben haften: „Interkulturelles Festmahl“, „Potentieller Ort einer Zusammenkunft der Kulturen“, „Globalisierung der Kunst“. Seine Worte werden übertönt von fremden Lauten und Sätzen. Die Besucher spenden Applaus; er klingt matt und kraftlos.

Ich grüße einen Bekannten, dränge mich durch eine Gruppe diskutierender Studenten und mache mich auf den Rückweg. Zwei Jogger kommen mir entgegen, verschwinden schnell wieder im Dunst und im Nachhall der Lautsprecher. Der Nebel wird dichter.

Sonntagvormittag –
die Kneipe so leer
wie mein Zuhause.

 

 

Ersteinstellung: 10.05.2006

 

 


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