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Mario Fitterer
Entleerung des Himmels
Zwei Haiku von Günter Wohlfart

 

Vögele

Wolkenspatzzwitschern
leerer erscheint der Himmel
Morgenlichtflittern

Der Text ist einer der „HaiKühe“ in „Zen und Haiku oder Mu in der Kunst HaiKühe zu hüten nebst anderen Texten für Nichts und wieder Nichts“, 1997, von Günter Wohlfart. Im Vorwort bezeichnet der Autor die „im südfranzösischen Midi“ entstandenen Texte als „Kentaurengeburten“ und erklärt: „Jegliche entfernte Ähnlichkeit dieser ‘HaiKühe’ mit verrückten Versen aus dem Osten ist nur ein glücklicher Zufall“.

„Wolkenspatzzwitschern“: wie eine geschlossene Wolkendecke hängt die erste Zeile über dem Haiku. Eher jedoch signalisiert sie das ohne Pause in die Höhe Jubilieren der Lerche. Darauf deutet „Vögele“, die Überschrift. Die Römer nannten die Lerche „alauda“, von Abraham a Santa Clara mit „Lobvögele“ übersetzt, ein Vogel, wie kein anderer „geneigt zum Lobe Gottes“. (1)

Der Titel „Lobvögele“ gäbe dem Haiku eine religiöse Färbung. Der Autor will sie ausschließen und betont dies, indem er „Wolkenspatz“ setzt, die japanische sinngebungsfreie Bezeichnung für Lerche. Mit dem Fragment „Vögele“ (aus „Lobvögele“) ist eine Spur unseres Kulturhintergrundes gelegt, der zum japanischen sinn-freien Haiku kontrastiert und den Horizont weit öffnet.

In der zweiten Zeile hat sich die Situation verändert, sei es, daß die im ersten Eindruck gesehene Wolkendecke dem Licht gewichen ist, sei es, daß nach der Entfernung jeglicher Sinngebung nun auch noch der Gesang der Lerche und diese selbst verschwunden sind und nur noch „Morgenlichtflittern“ bleibt. Aus dem akustischen Ereignis wurde ein visuelles.


Die Qualität der Wahrnehmung verändert sich auch im nächsten Haiku, in dem ein Möwenschrei den dramatischen Umschwung auslöst.

 

Ile de Houat

allein
Bretagne blau
weißer Möwenschrei
dein Gesicht

Ile de Houat ist eine kleine bretonische Insel 15 km südöstlich vor Quiberon, ca 5 km lang, 1 km breit und bis zu 30 m hoch. Wie Inseln wirken die Zeilen zueinander, unverbunden, ohne grammatikalische Weiterführung, mit angehaltener Sprache. In vier Zeilen, deren Silben mit denen der Überschrift 17 ergeben,  sind die Worte hingetuscht, knapp, Hinweise. Die Stationen der Veränderung von Augen-Blick zu Augen-Blick bis zur überraschenden Vision entwickeln sich direkt aus den Worten.

Eine Person oder zwei, „allein“ auf der „Ile de Houat“ in der „Bretagne“, das (intensive Azur) „Blau“ (der Gegend) vor Augen. Ein „weißer Möwenschrei“ verändert das Gesichtsfeld dramatisch. Er rückt „dein Gesicht“, das Gesicht des Begleiters oder der Begleiterin, ins Blickfeld oder erinnert an ein Gesicht jenseits der Insel. Das Weiß des Möwenschreis scheint sich auf den Teint des aufscheinenden Gesichts zu übertragen. Die Landschaft geht in die Landschaft eines Gesichts über.

 

(1) Yoshiko Oshima: Nähe und Ferne. Heideggers Begegnis mit Bashô, in: Nähe und Ferne – mit  Heidegger unterwegs zum Zen, 88. Seiten, Königshausen & Neumann, Würzburg, 1998.

Günter Wohlfart: Zen und Haiku oder Mu in der Kunst HaiKühe zu hüten nebst anderen Texten für Nichts und wieder Nichts, Stuttgart, Philipp Reclam jun., 1997, 181 Seiten, ISBN 3-15-009647-2.

 

 

07.08.2006 auf www.Haiku-heute.de, Erstveröffentlichung 10.07.2005
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